Der Kampf um Nahost: US-israelische Kriege, EU-Einmischung und neue arabische Allianzen

Die Nahost-Expertin Karin Leukefeld erläutert die aktuelle Lage in Nahost: Warum Donald Trump seine Meinung über weitere US-Angriffe auf den Iran ständig wechselt, wie sich die EU einmischt, welche Ziele die Huthi verfolgen, und welche neuen Länder-Allianzen gebildet werden.

Von Felicitas Rabe

Am Montag Abend veranstaltete das Dortmunder Friedensforum einen Vortragsabend mit der Nahost-Expertin Karin Leukefeld zum Thema: "Aktuelle Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten". Dabei erklärte sie vor allem die Folgen der US-amerikanischen und israelischen Angriffe für die Menschen in der Region. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach RT DE mit der freien Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten.

Im Interview bewertete Leukefeld die Lage in Iran, im Libanon und im Jemen. Die Nahost-Expertin sprach auch über die Hintergründe des permanenten Richtungswechsels des US-Präsidenten in Bezug auf weitere US-Angriffe auf Iran. Zudem erläuterte sie neue Länderallianzen ehemaliger US-Vasallen in der Region und ihre Vereinbarungen. Schließlich erklärte sie auch die Ziele der Huthi im Jemen.

Wichtigste Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten

Zunächst fragte RT DE Leukefeld nach den ihrer Einschätzung nach wichtigsten Entwicklungen, die aktuell im Nahen und Mittleren Osten aktuell stattfinden. Besonders wichtig sei die Reise des russischen Außenministers Sergei Lawrow, so die Nahost-Korrespondentin. Dieser reiste am Montag nach Teheran, um dort über die aktuelle Lage zu beraten.

Eine wichtige Entwicklung sei zudem der aktuelle Krieg zwischen Saudi-Arabien und den Huthi im Jemen. Der Krieg destabilisiere Saudi-Arabien stark. Dabei sei er allerdings auch extrem belastend für die Zivilbevölkerung im Jemen. Im Westen erfahre man immer, wenn die Huthi Raketen abschießen. Was man im Westen so gut wie nicht erfahre: Von Saudi-Arabien seien auch schon über 2.000 Raketen auf die Gebiete der Huthi geschossen worden.

Im Libanon gebe es auch eine neue Entwicklung: Die EU-Außenminister beschlossen am 12. Oktober den Einsatz der zivil-militärischen Mission EUSM (Unterstützungsmission der Europäischen Union in Libanon) für den Libanon. Vielfach werde vergessen, dass die bisherige über 40 Jahre andauernde UNIFIL Mission (United Nations Interim Force in Lebanon) dem Schutz der Waffenstillstandslinie zwischen Nordisrael und Libanon gedient habe. Ende 2026 werde diese Mission beendet und durch eine bewaffnete Mission der EU ersetzt. Das habe der Sicherheitsrat auf Druck der USA und Israel beschlossen. Damit wolle man die libanesische Regierung gegen die Hisbollah unterstützen. Die Aufgabe der UNIFIL sei aber nicht gewesen, die libanesische Regierung gegen die Hisbollah zu unterstützen, sondern die Waffenstillstandslinie zu sichern. Es handele sich also offensichtlich um sehr unterschiedliche Ziele.

Gründe für Trumps wechselhafte Aussagen

Als Nächstes wollte RT DE wissen, wie die Nahostexpertin die widersprüchlichen Aussagen Donald Trumps hinsichtlich einer Beendigung oder Fortsetzung des Krieges gegen Iran bewerte. Was könnte bei diesem Hin und Her im Hintergrund eine Rolle spielen?

Leukefeld erklärte, dass sich sowohl die US-Administration als auch die israelische Regierung im Wahlkampf befinden. Beide Länder fingen den Krieg gegen Iran an, sowohl 2025 als auch erneut im Jahr 2026. Beide seien nicht in der Lage, eine Verhandlungslösung zu finden. Für Trump, der sich im Wahlkampf zu den Anfang November stattfindenden Zwischenwahlen befinde, sehe es diesbezüglich aktuell sehr schlecht aus. Dazu führte die Journalistin aus: In den USA seien die Preise durch die Decke gegangen. Es gebe dort zunehmend starke Gewaltausbrüche. Trump habe sehr schlechte Umfragewerte. Das führe ihrer Meinung nach dazu, dass er sich mal so und mal so äußere.

Beobachter stellten zudem fest, dass die Ölpreise in dem Moment fielen, wenn Trump Verhandlungen mit Iran ankündige. Wenn sich der US-Präsident allerdings in dem Sinne äußere, dass es zu einem erneuten Krieg käme, Trump also weitere Angriffe auf Iran ankündige, dann gingen die Ölpreise wieder hoch. Leukefeld führte aus:

"Und dieses Hin und Her am Markt und an der Börse, das befördert Geld in die Taschen von Personen, die Donald Trump vermutlich auch nahestehen."

Die neue Mekka-Allianz 

Wie sich die arabischen US-Vasallen zukünftig positionieren würden, sei im Moment noch offen, stellte Leukefeld fest. Klar sei aber, diese Länder hätten verstanden, dass sie sich auf den angeblichen Schutzpatron USA nicht verlassen könnten. Außerdem seien die US-Militärbasen in den arabischen Golfstaaten nahezu alle zerstört worden. In den letzten Wochen habe sich Saudi-Arabien mit der Türkei und Pakistan in einer "Mekka-Allianz" zusammengeschlossen. In der Mekka-Vereinbarung werde festgelegt, wie man einander Unterstützung zusichere.

Die Zukunft werde zeigen, wie die Mekka-Allianz sich auswirke. Die Vereinbarung beinhalte auch, dass man sich bei Angriffen gegenseitig schütze. Doch gleichzeitig zögere Pakistan, Waffen an Saudi-Arabien zu schicken. Denn diese würden von Saudi-Arabien gegen die Huthi eingesetzt. Stattdessen habe Pakistan angeboten, bei Verhandlungen zu vermitteln. Pakistan bevorzuge einen Verhandlungsweg zwischen Saudi-Arabien und den Huthi.

Dennoch sei das Mekka-Bündnis von Bedeutung. In den letzten Tagen ist nach Meinung Leukefelds bekannt geworden, dass jetzt auch Katar ein neues Bündnis mit regionalen Partnern formen wolle oder sogar bereits vorbereite. Der katarische Verteidigungsminister Saud bin Abdulrahman Al Thani habe dies angekündigt, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen. Insofern wisse man bislang dazu nur so viel: Die Staaten suchten nach neuen Partnern.

Welche Rolle spielt die Ansar-Allah-Miliz in der Region? Was sind ihre Ziele?

Die Huthi seien eine ganz alte eingesessene ethnisch religiöse Gruppe, die im Nordwesten des Jemen in den Bergen lebte. Die Ansar Allah seien die politische Vertretung der Huthi. Als Saudi-Arabien nach dem Ersten Weltkrieg in den 1930er-Jahren praktisch einen Gründungsprozess durchlaufen habe, seien einige der nordjemenitischen Provinzen von Saudi-Arabien besetzt und annektiert worden.

Die Huthi hätten seit Langem wiederholt unter Druck von Saudi-Arabien gestanden. Aus diesem Grund habe sie sich zuletzt immer mehr militarisiert, besser ausgebildet und bewaffnet – auch mit Unterstützung Irans und der libanesischen Hisbollah. Dabei spiele eine Rolle, dass sich die Huthi religiös ethnisch den schiitischen Muslimen zurechnen. Gleichzeitig zählten die Huthi auch zur Achse des Widerstands. Diese setze sich aus Organisationen zusammen, die sich in Absprache mit Iran – aber nicht immer – gegen die westliche Einflussnahme in der Region wehrten, sowohl politisch als auch militärisch.

Im Augenblick spitze sich die Situation zu. Die Huthi hätten die wichtige Meerenge von Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle gebracht. Damit sei der Öltransport- und -handel in zweifacher Hinsicht blockiert. Öl, das bereits nicht mehr durch frei durch die Straße von Hormus transportiert werden könne, könne nun auch nicht mehr frei durch das Rote Meer verschifft werden.

Die Stärke der Ansar Allah oder der Huthi sei gleichzeitig auch die Schwäche der international anerkannten jemenitischen Regierung mit Sitz in Aden. Diese würde zwar von Saudi-Arabien unterstützt, erfahre allerdings keine große Unterstützung durch die jemenitische Bevölkerung. Die eigentlichen politischen Forderungen der Ansar Allah gingen bei uns im Westen leider oft unter. Sie forderten einen Waffenstillstand; sie wollten, dass Saudi-Arabien sie nicht mehr angreife; und sie forderten, dass Riad sie als militärische und politische Macht im Jemen respektiere. 

Karin Leukefeld studierte Ethnologie, Islam- und Politikwissenschaften. Seit dem Jahr 2000 ist sie freie Korrespondentin im Mittleren Osten.

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