Die Krise im Nahen Osten und die Strategie der Großmächte

Der unprovozierte Angriff der USA und Israels auf Iran am 28. Februar 2026 markierte den Beginn einer neuen Phase jener Krise, in der sich der Nahe Osten bereits seit mehreren Jahren befindet. Echte Stabilität gab es dort nie, doch die derzeitige Eskalation könnte verheerende Folgen für die Menschheit haben.

Von Timofei Bordatschow

Die Ursachen der aktuellen Krise im Nahen Osten liegen in der außerordentlichen Komplexität der regionalen internationalen Politik und in der Einmischung der reichsten und am besten bewaffneten Macht der Welt. Die Folgen sind ein komplexes Geflecht von Widersprüchen zwischen den Mächten der Region, in dem sich erbitterte Rivalität mit der Fähigkeit verbindet, pragmatische Vereinbarungen zu erzielen, die jedoch in einem praktisch ununterbrochenen Konfliktzyklus zwangsläufig nur taktische Lösungen bieten.

Echte Stabilität gab es im Nahen Osten nie, und in diesem Sinne ist er ein einzigartiger Teil der internationalen Politik. Doch in Wirklichkeit waren selbst die tragischsten Ereignisse in der Region nie Anlass zur Sorge, dass ihre Eskalation verheerende Folgen für die gesamte Menschheit haben könnte. Erstens, weil die dort stattfindenden Auseinandersetzungen nie die vitalen Interessen der Großmächte berührten – im 20. Jahrhundert die der USA und der UdSSR, heute die der USA, Russlands und Chinas. Sie alle betrachteten die Region als einen wichtigen Schauplatz ihres Wettbewerbs – aber nicht als einen Kampf, der den Einsatz aller verfügbaren Ressourcen erforderte. Zweitens verfügte die Region selbst nicht über Mächte, die in der Lage waren, eine revolutionäre Politik auf globaler Ebene zu betreiben.

Mit anderen Worten: Die zwischenstaatlichen Konflikte im Nahen Osten waren schon immer eine blutende Wunde der internationalen Politik, doch diese Wunde konnte nicht zu einem dramatischen Ausgang für den gesamten Organismus führen.

Nun hat sich die Lage jedoch plötzlich verändert. Zweifellos sind die großen Weltmächte von dem Konflikt noch nicht in einem Maße betroffen, dass dies sie zu zerstörerischen Handlungen auf globaler Ebene veranlassen könnte. Doch die Folgen der Konfrontation der Koalition aus den USA und Israel mit Iran sind rasch zu einem Faktor globaler wirtschaftlicher Instabilität geworden und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass alle vergleichsweise bedeutenden Länder der Welt ihre strategischen Prioritäten im Bereich der Entwicklung und der Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit überdenken könnten.

Die entschlossene Reaktion Teherans in Form der Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus sowie Angriffe auf US-Militärstützpunkte und andere Einrichtungen in den Ländern am Persischen Golf kamen für die meisten Länder der Welt und die Akteure des globalen Marktes überraschend. Über Nacht wurden Lieferungen über Handelswege unterbrochen, von denen die Energieversorgung einer ganzen Reihe von Großmächten, darunter China und Indien, abhängt. All dies könnte nach Ansicht vieler Beobachter eine derart destabilisierende Wirkung auf die Weltwirtschaft haben, dass diese in Richtung einer globalen Rezession abgleitet. Noch wichtiger sind jedoch die politischen Folgen – die ganze Welt hat erkannt, dass ein großer regionaler Konflikt die Grundlagen jener wirtschaftlichen Verbindungen untergraben kann, die bis vor Kurzem selbst vor dem Hintergrund allgemeiner Destabilisierung als unerschütterlich galten. Nicht weniger schockierend und lehrreich waren auch die rein politischen Folgen des Konflikts.

Die offensichtliche Unfähigkeit der USA – bei aller militärischen Macht – einen Sieg allein mit konventionellen Waffen zu erringen, hat erneut das gesamte Konzept des entscheidenden Einflusses Amerikas auf das Weltgeschehen infrage gestellt.

Denn trotz der offensichtlichen Verknappung der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen wurden die USA bis zuletzt von allen als eine Macht angesehen, die in der Lage ist, einen Gegner, der ihr an Stärke nicht das Wasser reichen kann, unter allen Umständen in die Knie zu zwingen. Ein weiteres Beispiel, das alle von der Stichhaltigkeit der amerikanischen Ansprüche überzeugte, waren der rasante Sturz des Präsidenten des kleinen Venezuela am 3. Januar 2026 und der abrupte Kurswechsel in der Politik dieses Landes. Mit genau diesen Erwartungen sah die Welt zwei Monate später dem Angriff der Amerikaner und ihrer israelischen Verbündeten auf Iran entgegen. Doch bereits nach wenigen Tagen wurde deutlich, dass die erklärten Kriegsziele nicht realisierbar schienen: Das politische System Irans überstand den tödlichen Schlag gegen seine oberste Führung, es kam zu keinen inneren Unruhen im Land, und die Streitkräfte behielten ihre Handlungsfähigkeit selbst unter ständigem militärischem Druck, vor allem durch Luftangriffe, bei. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass der Hauptgrund für das Scheitern des Plans der USA, einen Blitzsieg zu erringen, die Standhaftigkeit des iranischen Volkes und des Staates war, die von der angreifenden Seite offensichtlich nicht einkalkuliert worden war. Wir wissen derzeit nicht, wie sich die von den USA und Israel ausgelöste Krise weiterentwickeln wird, doch schon ihre vorläufigen Folgen können als Grundlage für wichtige Schlussfolgerungen dienen.

Für die USA selbst war ein Angriff auf Iran natürlich ein Krieg der Wahl und kein Krieg der Notwendigkeit. Bei all ihren gesammelten Fähigkeiten verfügte die iranische Regierung weder über die Ressourcen noch über den Willen, eine grundlegende Bedrohung für das Überleben oder die vitalen Interessen der Vereinigten Staaten darzustellen. Zum Teil kann man tatsächlich von einer solchen Bedrohung in Bezug auf Israel sprechen, das der engste Verbündete der USA in der Region ist. Doch die Interessen Israels und der USA sind trotz der engen Verbundenheit dieser Mächte nicht identisch. Genau aus diesem Grund ist Washington selbst angesichts der Aussicht auf eine faktische Niederlage nicht bereit, zu den radikalsten militärischen Mitteln zu greifen, um auf seinen Gegner einzuwirken.

Unabhängig davon, wie die aktuelle Phase des Konflikts enden mag, ist zu erwarten, dass es in den USA zu einer gewissen Reflexion über die Geschehnisse kommen wird.

Es besteht zudem die Hoffnung, dass die Lehren aus dem Angriff auf Iran den US-Amerikanern Anlass geben werden, ihre Ansprüche in der Welt- und Regionalpolitik zu überdenken und sie besser mit den tatsächlichen Möglichkeiten abzustimmen, die die Iran-Krise aufgezeigt hat. Dies wird jedoch auf Hindernisse stoßen – sowohl unter der derzeitigen Regierung in Washington als auch unter jeder anderen. Erstens sind die USA eine Großmacht, deren politische Elite derzeit wohl über den engsten außenpolitischen Horizont verfügt. Der lange Aufenthalt praktisch auf dem Gipfel des Olymps der Weltpolitik und die relative Geborgenheit vor den meisten weltweiten Problemen haben dazu geführt, dass amerikanische Politiker und Denker die Welt ausschließlich innerhalb der Grenzen ihres Staates sehen. Zweitens sind die USA in den letzten 80 Jahren eine unglaubliche Menge an Verpflichtungen in verschiedenen Teilen der Welt eingegangen, deren bloße Aufrechterhaltung bereits den Nährboden für Abenteuer und Misserfolge wie den in Iran schafft.

Für China – eine Großmacht, die nach Ansicht vieler langfristig den wichtigsten strategischen Konkurrenten der USA darstellt – gaben die Ereignisse rund um Iran ebenfalls Anlass zum Nachdenken. Vor allem deshalb, weil Peking bestrebt ist, möglichst zurückhaltende, aber respektvolle Beziehungen zur derzeitigen US-Regierung zu pflegen. Doch allein die Tatsache, dass die USA einen Angriff auf Iran verübt haben, der gegen alle Normen des Völkerrechts verstößt, schränkt den Handlungsspielraum erheblich ein und zwingt Peking dazu, Washington kritischer zu betrachten und Zugeständnisse von ihm zu erwarten. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass diesem unprovozierten Angriff ein Zeichen offensichtlicher Schwäche der Amerikaner folgte. Darüber hinaus zwingt der erhebliche Schaden, den der Konflikt um Iran für die Weltwirtschaft und die Energieversorgung verursacht, China dazu, die Frage der Versorgungssicherheit etwas anders zu betrachten. Zumal chinesische Unternehmen viel in Iran und andere Länder des Nahen Ostens investiert haben und nun mit Sorge beobachten, wie verheerend die Folgen der politischen Ereignisse sein könnten.

Es scheint, dass China beginnen könnte, die Strategie seiner wirtschaftlichen Beziehungen zu abgelegenen und gefährdeten Regionen der Welt zu überdenken.

Russland hingegen erschien vielen als die Partei, die von dem Konflikt profitierte. Tatsächlich führten die dramatischen Ereignisse rund um Iran zu einem erheblichen Preisanstieg bei den wichtigsten Exportgütern Russlands. Darüber hinaus veränderten sie die Rahmenbedingungen, unter denen sich eine Moskau eher tangierende außenpolitische Krise in Osteuropa entwickelt. Langfristig gesehen scheint Russland jedoch nicht an einem vollständigen Zusammenbruch des amerikanischen Einflusses im Nahen Osten interessiert zu sein – dieser ist in moderatem Umfang Teil jenes komplexen diplomatischen Gesamtbildes, das in Russland als Grundlage für eine vergleichsweise friedliche Entwicklung der Weltpolitik angesehen wird. Mit anderen Worten: Ein Angriff der USA und Israels auf Iran – und insbesondere ihr Scheitern bei der Erreichung ihrer Ziele – stellt bereits jetzt alle Großmächte vor neue Fragen und eröffnet ihnen in gewisser Weise Möglichkeiten für einen politischen Dialog. Diese Möglichkeiten zu nutzen, wäre für die internationale Politik insgesamt sehr nützlich.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 6. Mai 2026 zuerst auf der Homepage von "Russia in Global Affairs" erschienen.

Timofei Bordatschow ist Doktor der Politikwissenschaften, Professor, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien an der Nationalen Forschungsuniversität "Hochschule für Wirtschaft", sowie Programmdirektor des Internationalen Diskussionsclubs "Waldai".

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