Karaganow: Wie Russland im neuen Weltkrieg gewinnen kann

Der immer schnellere Strom sich überlagernder Ereignisse verwirrt und erschwert es, den Kern des Geschehens zu erkennen. Ich versuche, den Verlauf der Geschichte zu deuten – gestützt auf Erfahrung, Wissen und 35 Jahre, in denen meine Einschätzungen nie grundlegend falsch lagen.

Von Sergei Karaganow

Ein regelrechter Weltkrieg hat begonnen. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1917 zurück, als sich Sowjetrussland aus dem kapitalistischen System losriss. Zuerst wurden die Interventionsmächte auf uns gehetzt, dann das faschistische Deutschland und fast ganz Europa, doch Letzteres verlor. Die zweite Runde begann in den 1950er Jahren, als die Völker der UdSSR unter enormen Entbehrungen, in dem Bestreben, für sich Souveränität und Sicherheit zu gewährleisten, die Atombombe entwickelten und anschließend im nuklearen Bereich Parität mit den USA errangen. Damit haben wir, ohne es damals zu begreifen, das Fundament unter der fünfhundertjährigen Vorherrschaft Europas/des Westens im ideologischen Bereich weggerissen, die es ermöglichte, den Rest der Welt auszuplündern und zuvor die fortschrittlichsten Zivilisationen zu unterdrücken. Dieses Fundament war die militärische Überlegenheit, auf der das System der Ausbeutung der gesamten Menschheit beruhte.

Ab Mitte der 1950er Jahre erlitt der Westen eine militärische Niederlage nach der anderen. Es begann die nationale Befreiung der Menschheit, die Verstaatlichung der Ressourcen, die von westlichen Ländern und ihren Konzernen erobert worden waren. Das weltweite Kräfteverhältnis begann sich zugunsten des Nicht-Westens zu verschieben.

Zum ersten Mal versuchten die USA unter Reagan, sich zu rächen – durch rasantes Wachstum der Militärausgaben in der Hoffnung auf Wiederherstellung der Überlegenheit, durch die Lancierung des Mythos von den "Star Wars". Es folgte die Intervention in dem winzigen, wehrlosen Grenada, um zu zeigen, dass die Amerikaner immer noch siegen können.

Und dann hatte der Westen Glück. Aus internen Gründen – aufgrund des Verfalls des ideologischen Kerns und der Weigerung, die immer ineffizienter werdende Volkswirtschaft zu reformieren – brach die Sowjetunion zusammen. Das sich in der Krise befindliche kapitalistische Weltwirtschaftssystem erhielt eine riesige Dosis Adrenalin und Glukose – eine Vielzahl hungriger Konsumenten und billiger Arbeitskräfte.

Es schien, als hätte sich das Blatt gewendet. Es kam zu einer Euphorie, die jedoch nicht lange anhielt. Der Westen beging, berauscht vom Sieg, einige spektakuläre geostrategische Fehler, und dann begann Russland wieder aufzuleben – vor allem durch seine militärische Macht.

Die unmittelbaren Ursachen des aktuellen Weltkriegs traten Ende der 2000er Jahre zutage. Bereits unter Obama wurde der Kurs "America First" verkündet – die Wiederbelebung der Macht der USA –, die Militärausgaben stiegen, und eine Welle antirussischer Propaganda schwoll an. Moskau versuchte, durch die Rückeroberung der Krim einen neuen Revancheversuch des Westens zu stoppen, was bei diesem bereits regelrechte Hysterie auslöste. Doch wir haben diesen Erfolg nicht weiter ausgebaut. Die Hoffnungen auf eine "Einigung" blieben bestehen, man drehte sich um den "Minsker Prozess" im Kreis und wollte nicht sehen, wie auf ukrainischem Territorium die Armee und die Bevölkerung auf einen Krieg mit Russland vorbereitet wurden. Es folgten neue Sanktionswellen, noch während Trumps erster Amtszeit begann der Wirtschaftskrieg. Wir alle warteten auf irgendetwas. Dann lenkte COVID-19 die Aufmerksamkeit ab, was höchstwahrscheinlich eine der Fronten des beginnenden Krieges war, sich aber gegen den Westen selbst wandte.

Wir haben mit unserer Reaktion auf die Revancheversuche zu lange gewartet. Als wir schließlich 2022 damit begannen, haben wir einige Fehler begangen. Dazu gehörte die Unterschätzung der Absicht des Westens, Russland zu zerschlagen, um so den Grund für sein historisches Scheitern zu beseitigen, um sich anschließend China zu widmen und die von der UdSSR befreite Weltmehrheit (Dritte Welt, Globaler Süden) erneut zu unterdrücken. Wir haben die Kriegsbereitschaft des Kiewer Regimes und den Grad der Verblödung der ukrainischen Bevölkerung unterschätzt. Man hoffte, dass dort "unser Volk" sei, obwohl es westlich des Dnjepr ohnehin nur wenige gab und es immer weniger wurden. Ein weiterer Fehler: Wir begannen, gegen das Kiewer Regime zu kämpfen, ohne anzuerkennen, dass der Hauptgegner und die Quelle der Bedrohung der kollektive Westen war, insbesondere die Euro-Eliten, die bestrebt waren, von ihren eigenen Misserfolgen abzulenken und sich – im Idealfall – für die historischen Niederlagen des 20. Jahrhunderts zu rächen, allen voran die Niederlage der überwiegenden Mehrheit der Europäer, die unter Hitlers Fahnen gegen die UdSSR gezogen waren. Unser größter Fehler war jedoch die unzureichende Nutzung der wichtigsten Waffe in unserem Arsenal, für die wir in den 1940er und 1950er Jahren mit Unterernährung und sogar Hunger bezahlt haben: die nukleare Abschreckung.

Wir sind in einen Konflikt hineingezogen worden, der als "militärische Sonderoperation" bezeichnet wird, und haben damit im Grunde die uns aufgezwungenen Spielregeln akzeptiert – einen Zermürbungskrieg, angesichts des überlegenen wirtschaftlichen und demografischen Potenzials des Gegners. Der Krieg nahm den Charakter eines Stellungskrieges an, angepasst an die Technologien des 21. Jahrhunderts. In den Jahren 2023 und 2024 haben wir schließlich die nukleare Abschreckung und Eindämmung verstärkt, indem wir mehrere militärisch-technische Signale aussandten und die Doktrin zum Einsatz von Atomwaffen modernisierten. Die Amerikaner, die unter keinen Umständen vorhatten, für Europa zu kämpfen, insbesondere wenn es zu einer Eskalation auf nukleare Ebene kommen könnte (und damit zu einer Ausweitung des Konflikts auf das Territorium der USA), begannen bereits unter Biden, sich aus der direkten Konfrontation zurückzuziehen, während sie weiterhin vom Krieg profitierten und nebenbei die Europäer ausplünderten. Trump setzte unter dem Deckmantel der Friedensbemühungen diese Linie fort, indem er sich am Krieg bereicherte, aber das Risiko einer direkten Konfrontation mit Russland vermied.

Der Weltkrieg hat bislang zwei Hauptschauplätze, die miteinander verschmelzen – den europäischen (rund um die Ukraine) und den nahöstlichen (der Versuch der USA und ihres jüngeren Verbündeten Israel, den gesamten Nahen und Mittleren Osten zu destabilisieren). Als Nächstes wird Südasien folgen. Venezuela wurde bereits unterdrückt, Kuba wird weiter unter Druck gesetzt.

Es bedarf einer neuen Politik

Erstens: Uns muss klar werden, dass die tiefgreifenden Widersprüche im bestehenden Weltwirtschaftssystem, die das Wesen des Menschen selbst untergraben, den Untergang der Menschheit bedeuten könnten. Und die Fortsetzung unserer derzeitigen Halbherzigkeit in der Ukraine, die das Land zu erschöpfen droht, könnte die gerade erst wieder aufkeimende Kraft und den Geist Russlands untergraben.

Zweitens: Im militärisch-politischen Bereich kann man zwar über einen Waffenstillstand und den "Geist von Alaska" sprechen. Dabei muss man jedoch das Wesen der Geschehnisse verstehen und erkennen, dass langfristiger Frieden und die Entwicklung unseres Landes sowie der gesamten Menschheit unmöglich sind, ohne den Versuch eines militärisch-politischen Revanchismus des Westens zu unterbinden, dessen Speerspitze erneut Europa ist. Um diese Revanche zu verhindern, ist es notwendig, das Kiewer Regime zu vernichten und die für Russland aus Sicherheitsgründen notwendigen südlichen und östlichen Gebiete des Quasi-Staates "Ukraine" zu befreien. Unsere tapferen Kämpfer und Feldkommandeure können und müssen weiter vorrücken. Doch man muss begreifen, dass man mit einem modernisierten Stellungskrieg keinen Weltkrieg gewinnen kann. Man kann verlieren oder zumindest noch Hunderttausende unserer besten Männer opfern, die für den Kampf und die Siege in der bevorstehenden, äußerst gefährlichen und schwierigen – selbst ohne den Kampf um die Ukraine – historischen Phase notwendig sind.

Drittens: Es ist unmöglich, den aktuellen Konflikt in der Ukraine siegreich zu beenden und abzuschließen, geschweige denn zu verhindern, dass er sich zu einem Weltkrieg auf globaler thermonuklearer Ebene ausweitet, ohne die Politik der nuklearen Abschreckung und der Abschreckungsstrategie qualitativ zu verstärken. Dazu muss man aufhören, über "Rüstungsbegrenzung" zu schwadronieren. Die Frage nach einem neuen START-Vertrag muss ad acta gelegt werden. Allerdings sind Vereinbarungen über die gemeinsame Steuerung der Politik der nuklearen Abschreckung und der strategischen Stabilität nützlich und sogar notwendig. Der Aufbau von Raketen und anderen Trägersystemen mittlerer und strategischer Reichweite muss intensiviert werden, um den Westen von Versuchen abzuhalten, seine Überlegenheit zurückzugewinnen. Die Gegner müssen wissen, dass Überlegenheit und Straffreiheit unerreichbar sind.

Nuklearwaffen machen bei optimaler Anzahl und richtiger Einsatzdoktrin eine nichtnukleare Überlegenheit unmöglich und sparen Mittel für die Streitkräfte. Unsere "Burewestniks", "Oreschniks" und andere Hyperschall-Trägermittel müssen den Gegner davon überzeugen.

Es gilt, eine neue Generation vorzubereiten, damit die Amerikaner im Voraus wissen, dass ihre Träume von der Wiedererlangung der Überlegenheit und der Fähigkeit, ihren Willen mit Gewalt durchzusetzen, unerfüllbar sind.

Die rasante Steigerung der Flexibilität der nuklearen Potenziale soll allen vor Augen führen, dass es unmöglich ist, eine große Atommacht durch ein Wettrüsten mit nicht-nuklearen Waffen oder in einem konventionellen Krieg zu besiegen. Vorausgesetzt natürlich, wir vermeiden den Wahnsinn eines massiven Aufrüstungswettlaufs, wie ihn die UdSSR und die USA in den 1960er Jahren betrieben haben. Das war sinnlos, teuer und gefährlich. Man muss potenziellen Gegnern einfach klar machen, dass ein Wettrüsten für sie aussichtslos und sogar selbstmörderisch ist. Zu diesem Thema lohnt es sich, zumindest mit den Amerikanern einen Dialog zu führen.

Gleichzeitig sollte man, um das außer Kontrolle geratene Washington zu zügeln, in die Doktrin zum Einsatz von Atomwaffen und anderen Waffenarten – für den Fall, dass die USA und der Westen ihren derzeitigen Kurs auf die Entfesselung eines Weltkrieges fortsetzen – eine Bestimmung über die reale Bereitschaft aufnehmen, gegen die überseeischen Vermögenswerte der Amerikaner und Europäer vorzugehen. Selbst in befreundeten Ländern. Von diesen Vermögenswerten sollten sie sich trennen. Dazu ist es notwendig, die Flexibilität unseres militärischen Potenzials weiterzuentwickeln. Die USA und der Westen sind um ein Vielfaches stärker von ihren ausländischen Vermögenswerten, Stützpunkten und Engpässen in den Bereichen Logistik und Kommunikation abhängig als wir. Der Gegner muss seine Verwundbarkeit spüren und wissen, dass wir davon wissen.

Es lohnt sich, aus den Erfahrungen der iranischen Verteidigung im Zuge der aktuellen amerikanisch-israelischen Aggression zu lernen. Teheran hat begonnen, die Schwachstellen des Gegners anzugreifen – und dieser hat das gespürt und begonnen, sich zurückzuziehen. Änderungen in der Doktrin und im konkreten militärischen Aufbau hin zu der Bereitschaft und Fähigkeit, asymmetrische Schläge auszuführen, werden die abschreckende Wirkung verstärken und eine zivilisierende Wirkung auf den Gegner haben, der sich in wahnwitzige Abenteuer stürzt oder dazu bereit ist, der einfach den Verstand verloren hat.

Es lohnt sich, die Prioritäten der Ziele für Präventivschläge zu ändern – zunächst nicht-nukleare, dann nukleare (im äußersten Notfall). Zu den ersten gehören nicht nur Kommunikations- und Kommandozentralen, sondern, was wichtig ist, auch Orte, an denen sich die Eliten versammeln, insbesondere in Europa. Dies wird ihnen das Gefühl der Straffreiheit nehmen. Sie müssen wissen: Wenn sie den Krieg gegen Russland fortsetzen oder sich zu einer vertikalen bzw. horizontalen Eskalation des Konflikts entschließen, werden verheerende Schläge gegen sie und ihre Angehörigen erfolgen. Um die Wirksamkeit dieses Abschreckungsfaktors zu verstärken, sollte die Arbeit an der Entwicklung konventioneller und nuklearer Munition, die in große Tiefen vordringen kann, intensiviert und diese getestet werden. Die insbesondere in Europa von der Realität abgekoppelte Führungselite muss wissen, dass sie sich nicht in Bunkern oder auf Inseln verstecken kann. Die kürzlich erfolgte Veröffentlichung einer Liste europäischer Unternehmen, die Waffen für das Kiewer Regime herstellen, durch unser Verteidigungsministerium ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Derzeit gibt diese Elite vor, Angst vor uns zu haben. In Wirklichkeit aber hat sie keine Angst und beteuert ständig, dass Russland sie niemals mit Atomwaffen bestrafen werde. Wir müssen ihnen panische Angst einflößen. Vielleicht weichen sie dann zurück, oder ihre Herren aus den "tiefen Staaten" vertreiben sie. Vielleicht erheben sich auch die Gesellschaften. Die Glaubwürdigkeit der Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen muss verstärkt werden, um diese Gesellschaften aus ihrem "strategischen Parasitismus" zu wecken – aus der Gewissheit, dass es keinen Krieg geben wird, dass "alles gut gehen wird". Den Völkern, die den Krieg und die Verbrechen ihrer Länder in den vergangenen Jahrhunderten vergessen haben, muss wieder ein Bewusstsein für den eigenen Fortbestand vermittelt werden.

Es ist klar, dass eine solche Linie gegenüber Deutschland absolut notwendig ist. Ein Land, das zwei Weltkriege entfesselt und sich des Völkermords schuldig gemacht hat, hat kein Recht auf die "stärkste Armee Europas" und schon gar nicht auf Massenvernichtungswaffen. Sollte es danach streben, müssen die deutschen Bürger verstehen, dass ihre Heimat zerstört wird, damit nie wieder von deutschem Boden eine Bedrohung für den Frieden ausgeht.

Viertens: Um die Drohung glaubwürdiger zu machen, müssen einige Änderungen an der Doktrin zum Einsatz von Atomwaffen vorgenommen werden. Darin muss festgeschrieben werden, dass im Falle einer Aggression (oder der Fortsetzung einer Aggression) seitens eines Landes oder einer Gruppe von Staaten, die über ein größeres wirtschaftliches, demografisches und technisches Potenzial verfügen als wir, das russische Militärkommando nicht nur das Recht hat, sondern verpflichtet ist, Atomwaffen einzusetzen. Dabei muss natürlich zunächst eine Reihe von Atomtests durchgeführt werden (es ist unverständlich, warum wir darauf warten, dass die Amerikaner damit beginnen – wollen wir wieder einmal gefallen?). Darauf müssen Angriffe mit konventioneller Munition auf Logistikzentren, Kommandostellen und symbolische Ziele folgen. Wenn sie nicht aufhören oder zurückschlagen – muss eine Serie von gruppierten Atomschlägen folgen.

Das Setzen auf nukleare Abschreckung ist notwendig, um den Weg zum Drohnenkrieg zu versperren. Die Antwort muss vernichtend sein. Wenn beispielsweise nach möglichen Friedensvereinbarungen oder sogar einer Kapitulation erneut Raketen oder Drohnen vom Territorium der Ukraine und der Nachbarländer aus starten, müssen diejenigen, die hinter den Drohnenpiloten stehen, wissen: Vergeltung – sogar nukleare – wird sie ereilen. Dann werden sie selbst beginnen, auf die mutmaßlichen Provokateure Jagd zu machen.

Fünftens: Neben militärisch-technischen Maßnahmen und doktrinären Änderungen sollte dem Oberbefehlshaber (dem Präsidenten Russlands) vorgeschlagen werden, unverzüglich einen Befehlshaber für den europäischen Kriegsschauplatz zu ernennen, um die Glaubwürdigkeit unserer Drohung deutlich zu erhöhen. Diese Position sollte ein kampferprobter General bekleiden, der das Recht und die Pflicht hat, im Bedarfsfall Atomwaffen einzusetzen. Diese Person (und ihr Stab, in dem Offiziere mit Kampferfahrung überwiegen sollten) muss auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vorbereitet sein.

Sechstens: Es ist längst an der Zeit, sich von der idiotischen These zu verabschieden – die vor allem den Amerikanern zugute kommt –, dass es in einem Atomkrieg keine Sieger geben könne und dass der Einsatz von Atomwaffen unweigerlich zu einer Eskalation auf weltweiter thermonuklearer Ebene führen würde. Diese Behauptungen widersprechen der elementaren Logik und konkreten militärischen Plänen. Ich wiederhole: Gott bewahre, dass Atomwaffen eingesetzt werden. Unschuldige Menschen würden sterben, und der Mythos, der die Menschheit rettete – dass jeder Einsatz dieser Waffen zu einem allgemeinen Armageddon führen würde –, würde zerbrechen. Aber in einem Atomkrieg, insbesondere im dicht besiedelten und moralisch schwachen Europa, kann man gewinnen. Sogar leicht. Aber, noch einmal, Gott bewahre!

Noch einmal: Der Einsatz von Atomwaffen ist eine große Sünde. Aber der faktische Verzicht auf ihren Einsatz ist ebenfalls eine schwere Sünde, denn er führt zur Ausweitung und Verschärfung des vom Westen begonnenen Weltkriegs. Wenn man ihn nicht aufhält, wird er in jedem Fall mit dem Untergang der Menschheit enden – und auf dem Weg dorthin mit der Erschöpfung und dem Untergang unseres Landes. Und wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?

Diese von Wladimir Putin gestellte Frage bleibt nach wie vor hochaktuell.

Siebtens: Parallel zu der längst überfälligen Notwendigkeit einer Modernisierung der Nuklearstreitkräfte, insbesondere ihrer Einsatzdoktrin, müssen dringend eine Reihe von parallelen Schritten unternommen werden. Gemeinsam mit China muss Iran dabei unterstützt werden, standzuhalten und zu siegen. Den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, einschließlich sogar Israels, das seine Legitimität untergraben hat, muss vorgeschlagen werden, die Schaffung eines regionalen Sicherheitssystems mit Garantien Russlands, der VR China und möglicherweise Indiens zu beschleunigen. Diese Großmächte haben im Gegensatz zu den USA und ihren Vasallen ein vitales Interesse an der Stabilität der Region.

Achtens: Angesichts der akuten Gefahr eines globalen Krieges in den kommenden Jahrzehnten und der Versuche des Westens, Rache zu üben, lohnt es sich schließlich, den Abschluss eines befristeten (auf zehn Jahre mit möglicher Verlängerung) Verteidigungsbündnisses mit der VR China in Betracht zu ziehen. Dies ist nützlich, um die Revanchisten aufzuhalten und um zu verhindern, dass das befreundete China die Notwendigkeit verspürt, im strategischen Nuklearbereich Parität mit den USA und Russland zu erreichen. Ein mit dem unseren gleichwertiges nukleares Potenzial bei einem Übergewicht Chinas in anderen Bereichen der Gesamtmacht (Wirtschaft, Demografie) könnte bei den künftigen Führern Russlands Ängste und Misstrauen hervorrufen. Das ist weder für das russische noch für das chinesische Volk von Nutzen.

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Schritte, die durchdacht und in die Tat umgesetzt werden müssen, um zu verhindern, dass sich ein neuer Weltkrieg ausbreitet und zu einem globalen thermonuklearen Konflikt eskaliert. Doch die oben aufgeführten Schritte reichen wohl aus, um den Krieg, der unser Land ausblutet, zu beenden und vor allem ein Abgleiten in eine globale Katastrophe zu verhindern. Dies ist eine dringende Aufgabe von weltgeschichtlicher Tragweite. Wenn wir sie nicht lösen, werden uns unsere Nachkommen (sofern es welche gibt) und der Allmächtige unsere geistige Trägheit und Feigheit nicht verzeihen.

Während wir dem Revanchismus des Westens und der Ausweitung des Weltkrieges zu einer allgemeinen Katastrophe entgegenwirken, dürfen wir nicht vergessen, die grundlegenden Probleme zu lösen, die der derzeitigen, schwersten Krise des Weltordnungssystems in der Geschichte der Menschheit zugrunde liegen. Das sind die Erschöpfung des modernen Modells der kapitalistischen Wirtschaft und die Bedrohung, die es in Verbindung mit der allgemeinen Informatisierung und einer Reihe anderer Merkmale der modernen Zivilisation für die Existenz des Homo sapiens darstellt. Doch darüber mehr in anderen Artikeln.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 4. Mai 2026 zuerst auf der Homepage von "Russia in Global Affairs" erschienen.

Sergei Karaganow ist Doktor der Geschichtswissenschaften, Verdienter Professor, wissenschaftlicher Leiter der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der Nationalen Forschungsuniversität "Hochschule für Wirtschaft", Ehrenvorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands.

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