
Berliner Denkmalamt gibt Sowjetehrenmal in Tiergarten für Schändung durch "Künstler" frei

Von Platon Gontscharow
Sie sahen sichtlich angewidert aus: Englischsprachige Mittdreißiger, Vertreter der Maidan-Generation, die von George Soros und Co. über die Jahre durchgefütterte liberal-nationalistische "kreative Klasse" der Ukraine, müssen so denken und fühlen, wenn in ihrer Sichtweite ein sowjetisches Denkmal steht. Diese Verachtung ist untrennbar verbunden mit ihrem ideologischen Habitus. Diesmal mussten sie die Nähe des Ehrenmals aushalten, denn gedacht war diese Podiumsveranstaltung als öffentlicher Schauprozess, der mit einer Anklage begann und einem voraussehbaren Urteil endete. Ohne Verteidiger, aber gleich mit drei Anklägern und einem Richter.
Als Ankläger fungierten dementsprechend: Vitsche-Moderatorin Eva Yakubovska, die ihren eigenen Äußerungen zufolge "den ganzen Prozess in Gang gesetzt hat" und dementsprechend nicht weniger als ihre Gäste redete. Berlinern und Gästen der Stadt ist sie als Lautsprecher-Einpeitscherin bekannt, die bei Vitsche-Straßenaktionen "Stopp russische Propaganda", "Slawa Ukraini" und "Taurus jetzt!" ruft.

Als Gäste und Experten waren eingeladen: Der Publizist, kreative Producer und kognitive Stratege sowie Autor der Graphic Novel "Russian Colonialism 101" Maksym Eristavi; die Publizistin zu "Decolonisation, Identity und Human Right" und gefragte Autorin der namhaftesten westlichen Medien Mariam Naiem. Als inoffizieller Richter fungierte Dr. Christian Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin. Verhandlungssprache: Englisch.
Hinter der auf Klappstühlen sitzenden Gruppe ragte schweigend der Angeklagte, das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten. Im zerstörten Berlin in Rekordzeit erbaut, ist es Denkmal, Mahnmal und Kriegsgräberstätte gleichzeitig. Hier ruhen mehr als 2.000 in den Kämpfen um Berlin gefallene Rotarmisten, einige ihrer Namen sind auf den Platten des Ehrenmals mit vergoldeten Buchstaben eingraviert. In der Mitte steht ein bronzener Kämpfer mit Helm, Soldatenmantel und nach unten ausgestreckter Hand. Darunter befindet sich das Wappen der UdSSR und die ehrende Widmung in russischer Sprache: "Ewiger Ruhm den für Unabhängigkeit und Freiheit der Sowjetunion Gefallenen." Auf beiden Seiten bewachen zwei Haubitzen und zwei Panzer vom Typ T-34 das Monument.
Immer wieder mussten die Ankläger sich halb umdrehen und mit der Hand in Richtung Denkmal weisen. "Ein Marker russischer Kolonialmacht", eine "kognitive Attacke auf Europa", ein "langweiliges besitzloses Objekt", schimpfte Eristavi. "Es ist nur nichts", sagte Naiem, deren afghanischer Vater Ende der 1980er-Jahre nach Kiew floh. Ihr Bruder Mustafa wurde berühmt, als er junge Menschen wie sie am 21. November 2013 über Facebook auf den Maidan rief. "Schlimmer als nichts", korrigierte sie sich im Hinblick auf ihren Mitstreiter und Medienpartner Eristavi zum Schluss der Debatte.
Der nimmt den ihm zugespielten Pass an: "Ich habe das Gefühl, dass das eine Art Dementor ist, weil ich das Gefühl habe, dass mir die Energie entzogen und mein Kopf matschig wird." Er redet sich in Rage und wirft der Sowjetunion nicht weniger als einen "Genozid" vor, sie habe nach dem Krieg genauso wie die Nazis die Juden und andere ethnische Minderheiten vernichtet. Die Sowjetunion bezeichnet er grundsätzlich als russisches Imperium, die Rote Armee als "russische imperiale Streitkräfte". Um die trägen Deutschen gegen das Denkmal aufzubringen, schlägt er vor, das deutsche Vergewaltigungstrauma zu instrumentalisieren.
Was mit dem Ehrenmal zu tun ist, steht für diese Maidan-Ukrainer außer Zweifel: Es muss weg, am besten gleich mit dem Bagger. Eristavi wies mit einem wissenden Augenzwinkern in Richtung der anwesenden Polizei: Er bedankte sich bei den Beamten dafür, dass sie die Anwesenden und "hoffentlich nicht das Denkmal schützen" werde. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, worauf er und seine Gesinnungsgenossen hoffen. Auch wenn sich Eristavi wohl zu fein ist, selbst Hand anzulegen.
Seine Mitstreiterin Naiem träumte ebenfalls schon vom Sturz des bronzenen Rotarmisten. Denn auch diese Panelistin wollte die Deutschen bezüglich der Sowjetischen Ehrenmale in die Pflicht nehmen und wünschte sich Kunstaktionen: Sie sei sich sicher, dass es großartige deutsche Künstler gebe, die diesbezüglich neue Ideen kreieren könnten. Eine Kontextualisierung der Monumente genüge keinesfalls, das sei nicht "mutig" genug. Als vorbildhafte Vorgehensweise nannte sie eine Kunstinstallation der mexikanischen Künstlerin Cynthia Gutiérrez in Kiew 2016, die Treppen an den Sockel der gestürzten Lenin-Statue gestellt hatte, sodass jeder gewöhnliche Passant hinaufsteigen und sich einmal als Lenin fühlen konnte.
Natürlich ist das nur eine der vielen Möglichkeiten, mit denen man diese Orte des Gedenkens entweihen kann: Die ebenfalls medial in Deutschland sehr präsente ukrainische Kunsthistorikerin Jewgenia Moliar lässt kaum eine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, wie witzig und gelungen doch eine Aktion der Künstlergruppe L'Urine Rouge ausfiel: Diese Aktivisten hatten 2022 einem Kiewer Gedenkobelisken ein riesiges Kondom überzogen.
Sowjetehrenmal in Tiergarten soll durch "Künstler" aus 🇺🇦 und Performances entweiht werden. C. Rauhut vom Landesdenkmalamt #Berlin gibt es "für künstlerische Interventionen, temporäre Veranstaltungen und Ähnliches, die tatsächlich etwas bewirken können" frei. #Vitsche#Russenhasspic.twitter.com/DLijOKpzTW
— Wlad Sankin (@wladsan) May 8, 2026
Man müsse den alten Diskursrahmen verlassen, meinte Naiem, in dem die Nationalsozialisten schwarz und ihre Bezwinger weiß gezeichnet seien: "Aber obwohl wir versuchen, die Diskussion über die Gegenwart und Zukunft des sowjetischen Kriegsdenkmals zu führen, nutzen wir doch den Rahmen von 1945 und die Schwarz-Weiß-Diskussion, in der der Nationalsozialismus definitiv schwarz ist, die dunkle Seite der Geschichte, und die Sowjetunion sozusagen diejenigen, die die Dunkelheit jener Zeit besiegt haben."
Etwas weniger hysterisch wirkte in seinem ruhigen deutschen Beamtenton der Berliner Landeskonservator und Leiter der Landesdenkmalbehörde Rauhut. Ihm oblag es, immer wieder auf die rechtlichen Gegebenheiten hinzuweisen, die eine dauerhafte Umgestaltung der Ehrenmale erschwerten. Also alles in Ordnung? Kann man beruhigt feststellen, dass die Berliner Behörden den Status quo verteidigen?
Keinesfalls. Denn Rauhuts Aussagen hatten es in sich. Zum einen verglich er die sowjetischen Monumente mit den Baurelikten des Nationalsozialismus in Berlin, speziell dem Olympiagelände. All das sei ein schwieriges Erbe. Lange Zeit habe man die Vergangenheit dieses Ortes unberücksichtigt gelassen. Erst durch das Drängen der Zivilgesellschaft sei es dort zu Veränderungen gekommen. Rauhuts Fazit: "Es ist nie zu spät für Veränderungen. Aber wir müssen Gelegenheiten nutzen und dann auch diesen Schritt tun."
Denn die Kommentierung von "unbequemem Erbe" geschehe nicht von selbst. Um die Berliner Nazirelikte herum fänden viel mehr Aktionen statt. Die Aufdeckung, wie diese Monumente den Betrachter beeindrucken sollten, sei eine Dimension, die an den Sowjetischen Ehrenmalen noch fehle. Eine unmissverständliche Botschaft, dass sich die Berliner Behörden wünschen, durch Proteste der sogenannten Zivilgesellschaft zum Vorgehen gegen die Ehrenmale gewissermaßen gezwungen zu werden.
C. Rauhut, Leiter des Denkmalamtes Berlin rechtfertigt die Umschreibung der Geschichte und unterstellt Russland Manipulation der Geschichte für Propagandazwecke nach dem Motto in der Ukraine gebe es keine Nazis. #Geschichtsrevisionismus#Berlin#Vitsche#Tiergartenpic.twitter.com/a7cERgZSwT
— Wlad Sankin (@wladsan) May 8, 2026
Später wurde der Landeskonservator sogar noch deutlicher: Nach einem erneuten Vergleich mit dem Nazi-Erbe gab er (und damit seine Behörde) grünes Licht für die Herabwürdigung der Ehrenmale, solange das auf künstlerische Weise geschieht. Denn er meinte, Kontext zu schaffen bedeute nicht nur, ein Schild aufzustellen. Der Umgang mit einem solchen Erbe könne sehr weit gefasst werden. Es gebe gute Beispiele "für künstlerische Interventionen, temporäre Veranstaltungen und Ähnliches, die tatsächlich etwas bewirken können". Und das müsse man nutzen.
Weiter meinte Rauhut, man müsse das Tiergarten-Monument kommentieren, und dazu brauche es eine Einbeziehung auch der ukrainischen Perspektive (womit er die Perspektive seiner Gesprächsteilnehmer meinte). Er persönlich sei der Ansicht, die deutsche Gesellschaft sei stark genug, diese Diskussion zu führen und auch "der russischen Propaganda standzuhalten". Denn aus seiner Sicht missbraucht Russland den Sieg über Nazideutschland für einen ungerechtfertigten Krieg und manipuliert die Geschichte. "Ihr habt damit ein Problem, und wir haben damit ein Problem." Deshalb könne man "die Dinge nicht einfach so stehen lassen", sondern müsse Kontext vermitteln.
Also haben die Ukraine und Deutschland mit Russland "das gleiche Problem". Dieser Satz erklärt sehr viel im Denken der deutschen Regierenden. Mitunter betrachten sie selbst die Ukraine als untrennbaren Teil Deutschlands und wollen nun mit Kiew geeint gegen Russland vorgehen, wobei die Interessen Kiews und nicht Berlins als oberstes Gebot gelten. So hatte der überaus akademisch wirkende Architekturhistoriker Rauhut kein Problem damit, auf dem Podium mit einem waschechten Extremisten wie Eristavi zu sitzen, der auf X postete, dass ein Mord an Wladimir Putin nicht genug wäre, der Kreml und die komplette russische Wirtschaft sollten in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt werden. Wer mit Extremisten anbandelt, wird bald schnell selbst zu einem.

Gar nicht mal so sehr durch die Blume gab Rauhut also freie Bahn für die Fußgängertreppe oder das Kondom an den Ehrenmalen – oder was auch immer beflissenen Künstlern in Aggression gegen das Gedenken einfällt. Dementsprechend zufrieden war Moderatorin Yakubovska mit dem deutschen Beamten und dankte ihm bei seiner vorzeitigen Verabschiedung (Rauhut musste noch zu einer anderen Veranstaltung) für seinen "intellektuellen Mut".
Dieser Abend hat gezeigt: Die Berliner Behörden werden im Ernstfall die sowjetischen Monumente nicht schützen, zumindest nicht vor entwürdigenden "künstlerischen Interventionen". Ja, man muss wohl davon ausgehen, dass dieses Wohlwollen gegenüber einem wohl in nicht mehr so ferner Zukunft liegenden Vorgehen gegen die Ehrenmale auch die Bundesebene einschließt. Es fehlen nur noch entsprechende Aktivitäten der "Zivilgesellschaft". Aber in der BRD fehlt es grundsätzlich nie an einer organisierten Öffentlichkeit, die sich leicht für die Zwecke der Machthaber enspannen lässt. Der "Aktivist*innen"-Verein Vitsche ist übrigens selbst das beste Beispiel dafür.
Umso dringender wäre ein bürgerschaftliches Engagement zum Schutz der Ehrenmale. Schon jetzt, um im Fall der Fälle dagegenhalten zu können. Ehrenmale, die gepflegt sind und an denen die Bürger jeden Tag frische Blumen niederlegen, sind weit weniger angreifbar. Damit hasserfüllte Versuche, die Gedenkstätten anzutasten, ins Leere laufen.
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