Meinung

Ukrainische Militärangehörige wurden zu Opfern des eigenen Staats

Ich bin überzeugt, dass die Zeit der Feindschaft nicht lange dauern wird. Jene, die sagen, dass wir auf Jahrhunderte oder gar Jahrtausende verfeindet seien, liegen falsch. Früher oder später wird Frieden einkehren, und Menschen auf beiden Seiten werden sich die Hände reichen.
Ukrainische Militärangehörige wurden zu Opfern des eigenen StaatsQuelle: Sputnik © Taissija Liskowez

Von Igor Karaulow

Als Sachar Prilepin allen, die beim Absturz des Il-76 über dem Gebiet Belgorod ums Leben kamen – darunter auch den von den eigenen Landsleuten ermordeten ukrainischen Kriegsgefangenen –, gewünscht hat, sie mögen ins "Himmelreich" einkehren, rief dies gemischte Reaktionen unter seinen Lesern hervor. Einige empörten sich: Warum sollte man dies den Feinden wünschen ‒ sprechen wir doch vom "Himmelreich" dann, wenn wir der Seele eines Menschen wünschen, ins Paradies einzukehren ‒, zumal es unter den Ukrainern an Bord auch ehemalige Asow-Kämpfer, also überzeugte Nationalisten, gab?

Meiner Ansicht nach betreiben ganz andere Kräfte die Verteilung der Seelen auf unterschiedliche Segmente des Jenseits, und wir können kaum ihre Entscheidungen beeinflussen. Streitereien darüber sind fehl am Platz. Doch ein gefallener Mensch gehört der Ewigkeit an, und eine Berührung zur Ewigkeit gibt uns Anlass, sich über augenblickliche Erwägungen zu erheben. Einem Toten ist es gleich, für wen wir ihn halten. Doch wir selbst offenbaren uns im vollen Maße, mit all unseren Schwächen, Irrtümern und Vorurteilen.

In solchen Momenten scheint es, dass einige unserer Patrioten in Angelegenheiten der eigenen und fremden bürgerlichen Position an so etwas wie die protestantische Prädestinationslehre glauben. Ihrer Meinung nach gebe es keine Zufälle bei der Wahl einer Seite. Wir seien klug, gut, gerecht und deswegen für die Unsrigen. Und wer sich auf der Seite des Feindes wiederfand, muss irgendeinen ursprünglichen Makel gehabt haben, der ihn gezwungen habe, sich für das Böse zu entscheiden.

Ist es tatsächlich so? "Ja, es ist so!", werden gebürtige Ukrainer – aus dem Donbass, aus Odessa oder Charkow – sagen, die sich trotz allem für die russische Welt entschieden haben und heute aktiv am Kampf für die Interessen Russlands teilnehmen. Ruhm und Ehre gebühren ihnen, doch bei weitem nicht alle verfügen über eine derart starke Überzeugtheit. In Wirklichkeit denkt der Großteil der Menschen nicht über eigene Überzeugungen nach und versucht erst recht nicht, zu analysieren, ob sie ihre Meinung selbst gebildet oder aus äußeren Quellen entnommen haben. Die meisten leben einfach, überleben und handeln je nach Umständen. Und die Umstände spielen mit den Menschen.

Nehmen wir als Beispiel Darja Trepowa, die jüngst für den Mord an Wladlen Tatarski verurteilt wurde. Faktisch ist sie eine Terroristin und Verbrecherin, doch können wir sie als einen überzeugten Menschen bezeichnen? Mir scheint es, dass sie, als sie im Inneren wünschte, eine Aktivistin zu sein und etwas Wichtiges zu tun, gedankenlos mit dem Strom schwamm, der sie überallhin hätte bringen können – etwa zum Feminismus oder zum Tierschutz. Und hätte das Schicksal eine bestimmte Wende genommen, hätte sie auch Hilfslieferungen in den Donbass bringen können. Schließlich tut das Jewgenija Biltschenko, gebürtige Kiewerin, Dichterin und Philosophin, die zuvor den Maidan mit Leib und Seele unterstützte und dem "Rechten Sektor" half. Man sagt, sie sei "umgeschwenkt", und verdächtigt sie der Unaufrichtigkeit. Indessen ist sie möglicherweise ein Gast aus der Zukunft, denn in Zukunft wird es nach unserem Sieg viel mehr solcher "Umschwenker" geben.

Dabei ist Darja Trepowa in Russland geboren und aufgewachsen. Sie ging über die gleichen Straßen wie wir, kaufte Bücher in den gleichen Geschäften, trank Kaffee in den gleichen Cafés. Und trotzdem fand sie sich auf der Seite des Feindes, des absolut Bösen wieder, wie auch eine ganze Reihe anderer Menschen – scheinbar klügerer und begabterer als sie. Was kann man da noch über die einfachen Menschen sagen, die in der Ukraine aufgewachsen sind?

Wir gehen davon aus, dass zu beiden Seiten der russisch-ukrainischen Grenze ein Volk lebt. Tatsächlich gab es in der Liste der ukrainischen Gefangenen am Bord der Il-76 so viele russische Familiennamen, dass es durchaus eine Liste russischer Staatsbürger hätte sein können. Diese Menschen hätten in Russland geboren sein können, denn in der Sowjetunion zogen viele Familien zwischen den Teilrepubliken um. Doch es kam so, dass sie sich auf dem Gebiet der Ukraine wiederfanden.

Ältere Ukrainer erinnern sich an eine Zeit, in der wir gemeinsam in einem Land lebten. Doch inzwischen ist über die Hälfte der ukrainischen Bürger in den Jahren der "Unabhängigkeit" geboren worden. Schule und Medien erzogen sie zu Patrioten der Ukraine. Können wir ihnen vorwerfen, dass sie so geworden sind, wie sie sind?

Es ist schwierig, im ukrainischen Patriotismus an sich, wie in jedem anderen Patriotismus, etwas Verwerfliches zu finden. Natürlich kämpfen die Menschen für den Staat, in dem sie leben. Dies macht sie zu legitimen Zielen an der Front. Doch es macht sie noch nicht zu Bösewichten und Verbrechern. Die ganze Last des Verbrechens liegt auf dem ukrainischen Staat, für den sie kämpfen. Dieser Staat betrügt sie. Er hetzt sie gegen die eigenen Brüder auf. Er verkauft ihre Leben für westliche Gelder. Und Russland kämpft heute nicht gegen diese Menschen, sondern darum, das bösartige Wesen dieses Staats zu ändern.

Natürlich hätte das nazistische Regime in Kiew nicht entstehen können, wenn es keine überzeugten Nazis gegeben hätte. Und es gibt sie, man denke da nur an Asow. Und in jedem einzelnen Fall wäre es möglich, die Kette der Umstände nachzuvollziehen, die den Menschen auf die Seite des Bösen brachten. Umstände, die diese Wahl erklären, aber nicht entschuldigen. Und Umstände, die zeigen, dass, wenn sich das Leben anders entwickelt hätte, es gar keinen Nazi gegeben hätte, sondern einen einfachen ukrainischen Arbeiter, der Russland freundlich gesonnen ist.

Und was, wenn ein Mensch auf der Straße gefesselt und mit Gewalt nach Awdejewka geschickt wurde, von welcher Wahl kann da die Rede sein? Dabei geht es um hunderttausende Mobilisierte, die gar nicht planten zu kämpfen, sondern schlicht nicht ins Ausland fliehen oder sich freikaufen konnten. Was sollten sie tun? Sie hatten Angst, zu desertieren. Sie hatten Angst, sich zu ergeben. Und so waren sie gezwungen, an der Front zu überleben, also gegen die eigenen Brüder zu kämpfen. Auch solche Menschen gab es zweifellos an Bord der Il-76. Und sie verdienen unser Mitleid, denn sie hätten unter uns sein können, wenn sich das Leben anders entwickelt hätte.

Ich denke, dass denjenigen, die Russland an diesem historischen Wendepunkt unterstützen, Hochmut nicht ziemt, während gerade Selbstkritik und Selbstkontrolle sehr guttun. Manch einer scheint auf unserer Seite zu stehen, doch so erbittert zu sein, als hätte er sich selbst mit dem Virus des Ukrainertums angesteckt – und als würde er, ehe man sich versieht, anfangen, Andersdenkende mit Klebeband an Bäume zu fesseln. Wir sollten uns nicht damit brüsten, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Wir sollten unseren Lebensumständen dafür danken. Den richtigen Büchern, die wir zum richtigen Zeitpunkt fanden. Den richtigen Menschen, die wir auf unserem Lebensweg trafen. Und wir sollten nicht denken, dass wir anders seien als jener Bursche, der mit Gewalt in die ukrainische Armee gepresst wurde oder der gedankenlos die Mantras der ukrainischen Propaganda nachsagt.

Doch ich bin überzeugt, dass die Zeit der Feindschaft nicht lange dauern wird. Jene, die sagen, dass wir auf Jahrhunderte oder gar Jahrtausende verfeindet seien, liegen falsch. Früher oder später wird Frieden einkehren, und Menschen auf beiden Seiten werden sich die Hände reichen – zunächst zögerlich, aber dann immer entschlossener.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei Wsgljad.

Igor Karaulow ist ein russischer Dichter und Publizist.

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