Ex-Marinechef: Britische Streitkräfte in "ziemlich desolatem Zustand"

Jahrelange Unterfinanzierung habe die britischen Streitkräfte ausgehöhlt, warnen ehemalige Militärchefs. Sie werfen Londons Regierung einen verantwortungslosen Umgang mit der nationalen Sicherheit vor – während das Land zugleich Milliarden in die Aufrüstung stecken will.

Mehrere ehemalige hochrangige Militärs warnen vor dem Zustand der britischen Streitkräfte und der zunehmenden Belastung durch neue Sicherheitsrisiken. Sie führen die jahrelange Unterfinanzierung als eine der Ursachen an und fordern von der Regierung höhere Verteidigungsausgaben. Der ehemalige Oberbefehlshaber der britischen Marine, Admiral Lord Alan West, der die Royal Navy von 2002 bis 2006 führte, erklärte gegenüber dem Sunday Telegraph:

"Unsere Streitkräfte haben über viele Jahre hinweg nicht genügend Finanzierung erhalten und befinden sich jetzt in einem ziemlich desolaten Zustand."

Der ehemalige Marinechef verwies zugleich auf die aus seiner Sicht wachsenden Bedrohungen für Großbritannien:

"In vielerlei Hinsicht kann man argumentieren, dass wir uns bereits im Krieg befinden. Wir befinden uns definitiv in einer Grauzone, sei es durch Cyberangriffe, das Auftauchen von Drohnen in der Nähe von Einrichtungen oder Bedrohungen für Unterseekabel."

Auch der ehemalige Oberbefehlshaber der britischen Landstreitkräfte, General a. D. Nick Parker, forderte von der Regierung einen Kurswechsel. Die Gewährleistung der Sicherheit des Landes sei schließlich die wichtigste Aufgabe einer Regierung.

"Mit zunehmenden Bedrohungen wird Großbritannien Führung benötigen. Die Gesellschaft muss ehrlich über die Risiken informiert werden. Nationale Prioritäten müssen geändert und schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nicht immer populär sein werden."

Parker fügte hinzu:

"Ich bin nicht davon überzeugt, dass die derzeitige Regierung das gesamte Ausmaß dieser Verantwortung versteht."

Seine Äußerungen fielen inmitten eines Streits über die künftige Finanzierung der britischen Streitkräfte. Premierminister Andy Burnham hatte erklärt, die Verteidigungsausgaben nicht zulasten der Sozialleistungen erhöhen zu wollen. Auch der ehemalige Generalstabschef der britischen Landstreitkräfte, General a. D. Richard Dannatt, übte scharfe Kritik an der Regierung.

"Mein wichtigstes Fazit ist, dass Andy Burnham und – leider muss ich jetzt auch den Finanzminister John Healey dazuzählen – verantwortungslos mit der nationalen Sicherheit umgehen."

Dannatt forderte die Regierung auf, eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) spätestens bis 2035 zu garantieren.

Streit um Verteidigungsausgaben

Wie viel Geld künftig in die britische Verteidigung fließen soll, ist umstritten. Die Financial Times berichtete zuvor, dass Finanzminister John Healey angesichts fehlender Mittel von dem Ziel abrücken wolle, die Verteidigungsausgaben bis zum Jahr 2030 auf drei Prozent des BIP zu erhöhen. Dieses Ziel hatte Healey selbst während seiner Amtszeit als Verteidigungsminister formuliert. Wegen Differenzen mit dem damaligen Premierminister Keir Starmer über die Finanzierung der Verteidigung trat er im Juni 2026 zurück.

Die Vorsitzende der Konservativen Partei, Kemi Badenoch, forderte dagegen höhere Militärausgaben. Sie schlug vor, dafür die Sozialausgaben zu kürzen. Premierminister Andy Burnham lehnte dies ab. Badenoch erklärte:

"Während Europa von einem Brand bedroht wird, tut unsere Regierung nichts. In Frankreich und Polen ergreifen die Staats- und Regierungschefs bereits Maßnahmen angesichts der wachsenden russischen Bedrohung. Und was tut unsere Regierung?"

Die Regierung müsse aufhören, so zu tun, als lebe sie in einer sorglosen Welt des "Endes der Geschichte". "Es ist an der Zeit, die Situation ernst zu nehmen", erklärte die konservative Parteichefin. Nach den derzeitigen Plänen sollen die britischen Verteidigungsausgaben im Haushaltsjahr 2027/28 auf 2,7 Prozent des BIP steigen. Bis zum Jahr 2035 ist eine Erhöhung auf 3,5 Prozent vorgesehen.

Auch die langfristige Finanzierung der geplanten Aufrüstung ist noch nicht vollständig geklärt. Ende Juni veröffentlichte das britische Verteidigungsministerium einen Verteidigungsplan für die kommenden vier Jahre. Dieser sieht fast 300 Milliarden Pfund (rund 350 Milliarden Euro) für die Entwicklung verschiedener Bereiche der Rüstungsindustrie vor. Laut der ehemaligen Finanzministerin Rachel Reeves sind davon allerdings 4,7 Milliarden Pfund (rund 5,48 Milliarden Euro) bislang nicht gegenfinanziert. Woher die Mittel kommen sollen, soll erst im Herbsthaushalt festgelegt werden.

Royal Navy auf historischem Tiefstand

Die Folgen der jahrelangen Finanzierungslücken zeigen sich laut britischen Medien auch bei der personellen und materiellen Ausstattung der Streitkräfte. So berichtet der Daily Express, dass die Personalstärke der Royal Navy derzeit den niedrigsten Stand der modernen Geschichte erreicht hat. Zudem kämpft die Marine mit einem Mangel an Kriegsschiffen und U-Booten.

Der Erste Seelord der britischen Marine, Sir Gwyn Jenkins, wies unterdessen auf die militärischen Fähigkeiten Russlands hin. Moskau verfüge über moderne U-Boote, präzisionsgelenkte Langstreckenwaffen und spezialisierte Systeme für Operationen in großen Tiefen.

Auch bei den Landstreitkräften ist die personelle Ausstattung begrenzt. Die Zahl der vollständig kampfbereiten Soldaten der britischen Armee liegt bei rund 71.000. Laut The Telegraph ist dies der niedrigste Stand seit mehr als 200 Jahren. Um die Einsatzbereitschaft zu überprüfen, will die Regierung 2027 eine Mobilisierungsübung für einen Teil der strategischen Reserve durchführen. Dieser gehören rund 95.000 Menschen an.

NATO vor neuen Herausforderungen

Die britische Debatte über Personal, Ausrüstung und Verteidigungsausgaben ist Teil einer größeren Diskussion über die militärischen Fähigkeiten Europas und der NATO.

In einem Interview mit dem Guardian erklärte der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs, Europa komme bei der Entwicklung von Drohnen und Luftabwehrsystemen nicht hinterher. Für den Ausbau seiner Verteidigungsfähigkeiten benötige Europa Zeit.

Auch die rasante Entwicklung der Kampfmethoden im Ukraine-Konflikt stellt die Streitkräfte vor neue Herausforderungen. Laut einem Bericht von Reuters, der sich auf ukrainische und westliche Vertreter aus dem Verteidigungsbereich beruft, entwickelt sich der Konflikt so schnell, dass einige Waffensysteme und Taktiken der NATO veralten könnten.

Zuvor hatten mehrere NATO-Militärexperten die Fähigkeit Großbritanniens und anderer großer europäischer Staaten bewertet, einen langwierigen Konflikt zu führen. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass die Streitkräfte Großbritanniens, Italiens, Frankreichs, Deutschlands und Polens dazu nicht in der Lage sind.

Aktive NATO-Kommandeure beurteilen die Lage hingegen anders. So erklärte der Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, Giuseppe Cavo Dragone, die NATO und ihre Mitgliedstaaten seien vollständig auf einen möglichen Konflikt an der Ostflanke vorbereitet. Das Bündnis baue seine militärischen Fähigkeiten und die Ausstattung seiner Streitkräfte weiter aus.

Zudem hatten die NATO-Staaten vereinbart, ihre Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit bis 2035 auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen. Mindestens 3,5 Prozent davon sollen unmittelbar auf militärische Zwecke entfallen.

Moskau weist Bedrohungsvorwürfe zurück

Präsident Wladimir Putin bezeichnete die Behauptung, Russland bereite einen Angriff auf NATO-Staaten vor, als Lüge und Unsinn. Zugleich erklärte der Kreml, die Militarisierung Europas werde zusätzliche Maßnahmen Russlands zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit erforderlich machen.

Außenminister Sergei Lawrow erklärte:

"Wir haben mehr als einmal gesagt, dass wir nicht vorhaben, Europa anzugreifen. Der Präsident hat sich erst kürzlich erneut ausführlich mit diesem Thema befasst und betont, dass wir keinerlei Interesse daran haben. Wenn Europa aber, das täglich von den Vorbereitungen auf einen Krieg gegen Russland spricht, Russland angreift, wird das bereits ein ganz anderer Krieg sein, und er wird sehr kurz sein."

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