Von Olga Samofalowa
Derzeit erleben die weltweiten Aktienmärkte ein regelrechtes "Gemetzel": Der Einbruch begann in den USA und griff von dort auf Asien über. Die größten Verluste sind im Bereich der Hochtechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI) zu verzeichnen.
Die Befürchtungen vieler Ökonomen, die vor einem möglichen Platzen der KI-Blase gewarnt hatten, scheinen sich nun zu bewahrheiten. Sie hält zwar noch stand, doch mit jedem Tag kommen neue Anzeichen ihres Niedergangs hinzu. Die Stiftung "Roskongress" geht davon aus, dass die KI-Blase bereits im ersten oder zweiten Quartal 2027 platzen werde. Die Auswirkungen auf den globalen Finanzmarkt könnten mit denen nach der Insolvenz von Lehman Brothers im Jahr 2008 vergleichbar sein, die weltweit eine Kettenreaktion auslöste.
Über das Risiko einer KI-Blase wird bereits seit geraumer Zeit gesprochen, da die kostspielige Entwicklung künstlicher Intelligenz die Unternehmen immer tiefer in die Verschuldung treibt. Anfangs finanzierten die Unternehmen ihre Projekte noch aus eigenen Gewinnen. Doch irgendwann war das Vertrauen der Welt in die neue Technologie so groß, dass das Kapital aus dem Finanzsektor in Strömen zu fließen begann.
Dank dieser Unterstützung wurden die Unternehmen in ihren Ambitionen bestärkt und erhöhten ihre Investitionen. Die Ausgaben wuchsen wie ein Schneeball: Damit große Sprachmodelle und neuronale Netze ordnungsgemäß funktionieren, sind immer mehr Rechenzentren erforderlich. Für deren Betrieb wiederum sind Hochleistungscomputer nötig, und für diese wiederum Hochleistungschips. Und diese gesamte Infrastruktur verbraucht enorme Mengen an Strom – was bedeutet, dass auch Investitionen in den Energiesektor notwendig sind.
Nach Schätzungen von JPMorgan wollen Technologieunternehmen bis 2030 insgesamt 5,5 Billionen US-Dollar in KI investieren, wobei der Großteil dieser Mittel – 4,1 Billionen US-Dollar – durch Kredite finanziert werden soll. Die Rede ist unter anderem von fünf Technologiegiganten: Amazon, Alphabet, Meta (die Tätigkeit des Unternehmens, zu dem die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram gehören, ist in Russland als extremistisch verboten), Microsoft und Oracle. Allein im Jahr 2027 beabsichtigen sie, mehr als eine Billion US-Dollar auszugeben. Dabei sinkt der Umfang ihrer frei verfügbaren Mittel rapide. Das bedeutet, dass jeder Fehler – sei es durch fehlgeschlagene Projekte oder Änderungen der Vorschriften, einschließlich gesetzlicher Regelungen – die finanzielle Existenz der Unternehmen gefährden und ihre Fähigkeit zur Bedienung ihrer Schulden beeinträchtigen könnte.
All das wäre weniger problematisch, wenn der rasante Anstieg von Investitionen und Verschuldung von einem ebenso starken Umsatzwachstum begleitet wäre. Schließlich waren enorme Gewinne versprochen worden. Doch die jüngsten Unternehmensberichte – für das dritte Quartal 2026 – offenbarten eine weitaus weniger optimistische Realität. Nach Schätzungen von Goldman Sachs müssten Technologieunternehmen jährlich 300 Milliarden US-Dollar Umsatz im KI-Sektor erzielen, um ihre Kosten zu decken, während tatsächlich lediglich 70 Milliarden US-Dollar zu erwarten sind – also viermal weniger. Gleichzeitig ist der freie Cashflow bei Alphabet, Amazon und Meta um Dutzende Milliarden US-Dollar ins Minus gerutscht.
Kaum waren diese enttäuschenden Finanzdaten veröffentlicht, brachen die Aktien der Technologieriesen ein. Das geschah am 30. Oktober, als die Märkte der USA, Japans, Südkoreas, der Türkei, Chinas und Taiwans innerhalb einer einzigen Handelssitzung – und auf dem Höhepunkt der Verkaufswelle – zusammen rund 1,7 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Die Aktien von 16 führenden Technologieunternehmen fielen im Vergleich zu ihren Höchstständen der vergangenen vier Jahre um mehr als 20 Prozent, einzelne Titel büßten zwischen 48 und 68 Prozent ein.
Auslöser dieses ersten Einbruchs waren gerade die veröffentlichten Quartalszahlen: Die Berichte für das dritte Quartal machten deutlich, dass die Unternehmen ein Vielfaches weniger verdienen, als sie auszugeben planen. Der zweite Schlag kam durch die Wahlen in den USA, bei denen die Wähler landesweit Kandidaten unterstützten, die versprochen hatten, den Bau von Rechenzentren zu verbieten.
Infolgedessen erlebte der Technologiesektor in den letzten Tagen einen weiteren Einbruch – den größten seit dem Frühjahr 2025. Der NASDAQ-100-Index brach um 6,4 Prozent ein und verlor 2,5 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung. Zuvor war er im Oktober bereits um 5,8 bis 8 Prozent gefallen und hatte dabei mehr als zwei Billionen US-Dollar an Wert verloren. In der Folge griff die Panik – aufgrund der starken Abhängigkeit vom Technologiesektor – auf die asiatischen Börsenplätze über, darunter Südkorea und China.
Nun versuchen Analysten abzuschätzen, wohin diese ganze Geschichte aus Panik und Kurseinbrüchen führen wird. Entweder könnte es sich um eine vorübergehende technische Korrektur der Aktienkurse von Unternehmen aus dem Technologiesektor handeln. In diesem Fall dürften die Kurse nach einiger Zeit wieder steigen und alles in die gewohnten Bahnen zurückkehren. Oder dies könnte der Anfang vom Ende sein, wenn Investoren ihre Einstellung zu Investitionen in künstliche Intelligenz als neue Goldgrube radikal ändern.
Aus Sicht der globalen Finanz- und Wirtschaftsstabilität wäre die zweite Variante vorzuziehen, statt die KI-Blase weiter anwachsen zu lassen. Denn in diesem Fall würde die Kluft zwischen kreditfinanzierten Investitionen und den Einnahmen der Technologieunternehmen in einigen Jahren nur noch größer werden – und der anschließende Absturz entsprechend schmerzhafter ausfallen. Und bei derart massiven Ungleichgewichten zwischen Ausgaben und Einnahmen ist das Platzen der Blase unvermeidlich – es ist lediglich eine Frage der Zeit.
Allerdings könnten die US-Behörden Maßnahmen ergreifen, die die Technologieriesen dazu zwingen, im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten zu wirtschaften und die KI-Blase nicht weiter aufzublähen. Dafür müssten die Unternehmen zumindest verpflichtet werden, transparenter offenzulegen, wie sich ihre Verschuldung entwickelt, mit welchen Einnahmen tatsächlich zu rechnen ist und welche technologischen Risiken die umgesetzten Projekte tatsächlich bergen. Eine größere Transparenz könnte überzogene Erwartungen an den Sektor dämpfen.
Notwendig wäre außerdem eine strengere Kontrolle darüber, wie sich die Akteure innerhalb des KI-Sektors gegenseitig finanzieren. Derzeit entsteht häufig ein Teufelskreis: Ein Chiphersteller investiert in einen seiner Kunden, der anschließend bei eben diesem Hersteller Ausrüstung kauft. Dadurch können selbst Probleme eines kleineren Unternehmens eine Kettenreaktion auslösen, die große Marktteilnehmer und schließlich die gesamte Branche trifft. Eine Einschränkung solcher gegenseitiger Kreditvergaben durch die US-Regulierungsbehörden würde das Risiko undurchsichtiger Finanzierungskreisläufe verringern. Sinnvoll wäre zudem eine klarere Regulierung des Börsenhandels, damit bloße Anlegerpanik die Kurseinbrüche bei Technologieaktien nicht zusätzlich verschärft.
Wie dem auch sei: Die kommenden Wochen – oder sogar Tage – werden zeigen, in welche Richtung sich die Situation entwickeln wird und ob die US-Behörden bereit sind, die Kontrolle über den vielversprechendsten und zugleich empfindlichsten Bereich der nationalen Wirtschaft zu verstärken.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. November 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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