Das Bolschoi-Theater verlor infolge eines groß angelegten Betrugs die Rechte an den legendären Inszenierungen des sowjetischen und russischen Choreografen Juri Grigorowitsch. Dabei handelt es sich um den Löwenanteil des Repertoires des größten Theaters des Landes. Derzeit gehören die Rechte an "Schwanensee", "Der Nussknacker", "Romeo und Julia" und anderen Balletten einer privaten Stiftung, die die Arbeit des Theaters jederzeit lahmlegen kann.
Das Bolschoi-Theater beabsichtigt jedoch, darauf hinzuwirken, dass die Rechte an den Inszenierungen auf den Staat übergehen. Dies berichtet die Zeitung Iswestija unter Berufung auf Unterlagen aus einem Strafverfahren, das wegen Betrugs eingeleitet wurde.
Nach dem Tod Grigorowitschs Mitte des vergangenen Jahres stellte sich heraus, dass die Legende des sowjetischen und russischen Balletts, während sie bereits schwer krank war, alle Rechte an seinen Inszenierungen "unentgeltlich" an einen seiner Schüler – Roman Pronin – übertragen hatte. Sobald die Ermittlungen in dieser Angelegenheit begannen, gründete dieser schnell die Grigorowitsch-Stiftung – mit Sitz in seiner Wohnung und mit einem einzigen Mitarbeiter: sich selbst. Diese Stiftung "verwaltet" nun das Erbe des Choreografen. Dabei wurden dem Ballettmeister keine Kopien des Vertrags ausgehändigt, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist – und nun gehen seine rechtmäßigen Erben davon aus, dass er nicht einmal wusste, was er unterzeichnete. Die Zeitung Iswestija schreibt:
"Wie aus den Akten hervorgeht, nutzten am 26. August 2024, 'während sie sich in einem der Zimmer' des Sanatoriums Barwicha aufhielten, Personen, die von der Ermittlung nicht identifiziert wurden, [Grigorowitschs] krankheitsbedingten Zustand sowie seine Unfähigkeit aus, sich 'der tatsächlichen Natur seiner Handlungen' aufgrund seines 'Alters, seiner Erkrankungen und der Einnahme stark wirkender Medikamente' bewusst zu sein, um mit eigennütziger Absicht die 'unrechtmäßige Aneignung' der Grigorowitsch gehörenden Urheberrechte zu erreichen.
Dabei wurde dieses Dokument während der folgenden neun Monate – bis zum Tod des Ballettmeisters – nicht öffentlich gemacht."
Dem Wortlaut des Dokuments zufolge erhielt der neue Rechteinhaber 31 "geistige Eigentumsrechte" – diese beziehen sich alle auf die zwölf Ballette, die den Kern des Repertoires des Bolschoi-Theaters bilden. Insbesondere regelte der Vertrag die Übertragung der Rechte an der Choreografie und den Libretti der Ballette "Spartakus", "Der Nussknacker", "Schwanensee", "Romeo und Julia", "Das goldene Zeitalter", "La Bayadère" und anderer. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Vertrags zwischen Grigorowitsch und Pronin entdeckten Mitarbeiter des Bolschoi-Theaters darin drei Inszenierungen, deren Rechte der Choreograf dem Theater bereits in den Jahren 2012 bis 2014 offiziell übertragen hatte: "Iwan der Schreckliche", "La Bayadère" sowie "Die Legende von der Liebe". Für all diese Werke erhielt der Choreograf eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 2,5 Millionen Rubel. Da das Theater die Übertragung an eine Privatperson als Betrug ansah, wandte es sich an die Strafverfolgungsbehörden. Außerdem hat sich laut Angaben der Iswestija auch der einzige Erbe Grigorowitschs – sein Neffe Nikolai Karatygin – mit einer Anzeige an die Abteilung zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität im Großraum Moskau gewandt.
Das größte Risiko der aktuellen Situation ist, dass eine Privatperson nun "die Arbeit des wichtigsten Theaters des Landes praktisch augenblicklich lahmlegen kann", wie mit der Angelegenheit vertraute Gesprächspartner der Iswestija anmerken. Ihren Worten zufolge "lässt sich das regelrecht vom Sofa aus bewerkstelligen, indem man Aufführungen verbietet oder einen Rechtsstreit anstößt". Die Übertragung der Rechte an Grigorowitschs Balletten an Pronin sei "absoluter Unsinn", meint auch die Ballett-Historikerin Irina Deschkowa. Ihrer Ansicht nach besteht die Gefahr, dass ein nationales Kulturgut Russlands verloren geht, und die Rechte am Erbe des Choreografen sollten bei einer eigens dafür vom Staat gegründeten Einrichtung liegen.
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