Rund fünfeinhalb Millionen Schüler werden im US-amerikanischen Bundesstaat Texas an öffentlichen Schulen unterrichtet. Und für sie alle macht eine neue Verordnung eines bildungspolitischen Gremiums das heilige Buch der Christen zur Pflichtlektüre, zumindest in Passagen. Egal, welcher Religion sie angehören. Das stößt auf Widerspruch.
Bereits im vergangenen Jahr hatte ein texanisches Gesetz die Anbringung der Zehn Gebote in den Klassenräumen staatlicher Schulen verordnet – eine Praxis, die mittlerweile von einem Berufsgericht auf Bundesebene bestätigt wurde.
Nun ging der Bildungsrat des texanischen Unterrichtsministeriums noch einen Schritt weiter und machte am vergangenen Freitag künftig auch das Lesen von Bibeltexten zur Pflicht. Texas ist derzeit der einzige US-Bundesstaat, in dem dies der Fall ist. Die biblischen Unterrichtskonzepte sollen schrittweise ab dem Schuljahr 2030/2031 – zunächst in der Grundschule – eingeführt werden, wusste der Houston Chronicle zu berichten.
Die von den Republikanern dominierte Schulbehörde verabschiedete der Berichterstattung des Chronicle zufolge die Neufassung der Leseliste mit neun zu fünf Stimmen. Die neuen Unterrichtsstandards auf biblischer Grundlage bilden in Zukunft auch die Grundlage für Lehrbücher und Prüfungen. Dies betrifft nicht nur die staatlich geführten Schulen, sondern auch die sogenannten Charter Schools – Schulen in freier Trägerschaft mit staatlicher Finanzierung.
Gemäß der vom Houston Chronicle veröffentlichten Leseliste finden sich bezüglich der biblischen Lektüre folgende Vorgaben: In der ersten Klasse die Geschichte von Jona und dem Wal, in der zweiten Klasse David und Goliath, in der dritten Klasse Daniel in der Löwengrube, in der vierten Klasse ein neutestamentliches Gleichnis von der Bedeutung der Demut und in der fünften Klasse der brennende Dornbusch und die Teilung des Roten Meeres. Je nach Altersstufe handelt es sich dabei um kindgerecht adaptierte Versionen der Bibelstellen.
In der sechsten Klasse geht es weiter mit dem Jesus-Wort vom unnötigen Sorgen (Matthäus, Kapitel 6, ab Vers 25), die siebte Klasse soll sich mit Psalm 23 und den Seligpreisungen in der Version der King-James-Bibel befassen, die achte Klasse beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit des Menschen (Prediger 3, Klagelieder 3). In den Englischkursen sollen das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Teile des Buches Hiob, Erschaffung und Sündenfall des Menschen (Genesis 2 und 3) und das Hohe Lied der Liebe (Erster Korintherbrief 13) behandelt werden.
Während texanische Pädagogen eine Überfrachtung der Lehrpläne befürchten (neben biblischer Pflichtlektüre gibt es auch noch Vorgaben für weltliche Lektüre), fürchten Andersgläubige und Nichtgläubige um die Religionsfreiheit, wenn ihre Kinder mit christlichen Texten konfrontiert werden. Befürworter der neuen Lektüre-Ordnung wiederum weisen den Vorwurf der Missionierung strikt von sich. Vielmehr gehe es darum, einen moralischen Kompass zu entwickeln und den amerikanischen Exzeptionalismus schätzen zu lernen.
Juristische Konflikte sind damit schon vorprogrammiert. Denn nach dem Gerichtsurteil Abington School District v. Schempp des Obersten Gerichtshof von 1963 müssen staatliche Schulen weltanschaulich neutral sein und dürfen gemeinsames Beten oder die Lektüre von Bibelversen nicht zur schulischen Pflicht machen.
Generell spielten konservative Berater bei der Erstellung der Lehrpläne, etwa für den Sozialkundeunterricht, eine große Rolle. Der Unterricht wird nun nach deren Vorstellungen weniger "woke", dafür aber unter Bezugnahme auf historische Figuren patriotischer. Und auch vor den "Gefahren des Kommunismus" sollen texanische Schüler künftig wieder gewarnt werden, geht es nach dem Willen der Lehrplankommission.
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