Von Igor Malzew
Frühmorgens begann ein polnischer Recke, für seinen Feldzug gegen Moskau den Ranzen zu packen. Einen Band von Stanisław Lem, Czesław Niemens erstes Album, eine Sammlung von Chopin-Noten, Filme von Andrzej Wajda und Krzysztof Zanussi, Lech Wałęsas Voltmeter und die Lieblings-XXX-VHS mit Teresa Orlowsky musste er schweren Herzens zurücklassen. Dafür nahm er eine Handpumpe mit, drei Gläser Marmelade, zubereitet aus Beeren aus dem eigenen Garten, mehrere Säcke Reis – und für den Fall, dass er über die Beresina würde zurückkehren müssen, kundschaftete er vorsorglich die Bombenschutzräume in Warschau aus. Und dann rundete er seine Auswahl an Reiseproviant mit einer Kiste Potocki-Wodka ab.
Ich möchte dem lieben polnischen Volk aufrichtig dazu gratulieren, dass seine Politiker entweder Wahnsinnige oder einfach nur debil sind – im medizinischen Sinne des Wortes. Nichts für ungut. Sowas kommt vor.
Der ehemalige Außenminister Sikorski, jetzt erneut amtierender Außenminister Sikorski, ist nämlich genau dieser Recke mit Handpumpe und Marmelade.
(Die Redaktion möchte Ihnen dieses Feuerwerk an martialischer Entschlossenheit nicht vorenthalten – das Interview an das polnische Online-Nachrichtenportal Fakt mag sich ein jeder in der Form relevanter Ausschnitte in deutscher Übersetzung zu Gemüte führen; es folgt ein entsprechender Einschub. Anm. d. Red.)
Sie haben vorgeschlagen, die Aktivitäten der NATO-Kräfte auszubauen und Militärübungen nahe der russischen Exklave Kaliningrad durchzuführen, wenn ich mich recht erinnere?
"Nein, sondern vielmehr überhaupt entlang der Grenzen Russlands – damit Putin nicht vorausahnen kann, was wir unternehmen werden."
Herr Minister, haben Sie schon Ihren Evakuierungs-Rucksack gepackt?
"Ich habe einen Vorrat an Reis angelegt, habe eine Handpumpe für Wasser zuhause, Marmelade aus polnischen Beeren – selber in meinem Garten gesammelt und zubereitet –, eine Sicherheitsanweisung; ich habe alles durchdacht und auch geprüft, wo sich der nächste Schutzraum befindet. Jeder sollte auch wissen, wie man einen Verband anlegt: Das wird auch in Friedenszeiten nützlich sein."
Mit "Sicherheitsanweisung" meint er wohl ein Überlebenshandbuch, wie es mehrere europäische NATO-Staaten "für den Fall, dass Russland angreift" an ihre Bürger verteilten, hier das Beispiel Frankreich.
Im Ernst, würden Sie den Polen empfehlen, einen solchen Rucksack zu packen und Listen an allem vorzubereiten, was darin enthalten sein sollte?
"Wir haben alle eine Sicherheitsanweisung erhalten. Wenn der Staat dem Bürger sagt: 'Hör mal, die Zeiten sind unruhig, besser, man ist vorbereitet', dann kann das nicht schaden. Deshalb rufe ich dazu auf, darauf zu hören."
Soviel zu dem Interview.
Da siecht also ein ausgewachsener polnischer Außenminister über den Vorräten in seinem Keller, streichelt Reissäcke und flüstert vor sich hin: "So werden wir die Russen besiegen." Aber die Nachrichten, die ich für ihn habe, könnten nicht schlechter sein: Selbst wenn seine polnische Großmutter die Marmelade nach einem Rezept noch aus Zeiten des Warschauer Pakts gekocht hat, hält sie sich nur wenige Monate bis anderthalb Jahre. Dann versauert sie einfach. Ersparen wir uns geschmacklose Witze darüber, wozu ein Mann im Keller eine Handpumpe braucht, und sagen stattdessen ehrlich und gerade heraus: Reis lässt sich bis zu 24 Monate lang in einem luftdichten Behälter lagern. Das heißt, Warschau müsste innerhalb von 24 Monaten einen Krieg gegen die Russen beginnen und, was am wichtigsten ist, ihn überleben. Die Zeit drängt, Sikorski.
Mit Schutzräumen sieht es schon etwas besser aus: Erst bis vor Kurzem hatten nur drei Prozent der Warschauer Bevölkerung die Möglichkeit, bei einem etwaigen Luftangriff Schutz zu suchen – jetzt aber sind Bauherren verpflichtet, alle Neubauten mit Schutzräumen auszustatten. Zudem wird nun (wohl mit Blick nach Kiew) die Warschauer Metro, an deren Bau die UdSSR beteiligt war, dergestalt umgerüstet, dass sie die Warschauer Bevölkerung im Falle eines Drohnenangriffs aus Kamtschatka aufnehmen kann. Das Problem ist nur: Dmitri Medwedew verspricht, dass es diesmal mit Kamikazedrohnen nicht getan sein wird.
Und es wird auch keine U-Bahn in Warschau mehr geben. Und Warschau selbst wird dann ebenfalls verschwunden sein. Und niemand weiß, wo sich Pan Sikorski dann verstecken kann. Kremlquellen vertrauten mir an: Nowhere to hide. Auf Englisch ist das verständlicher für Sikorski, denn dieser feine Herr zeichnet für den brillanten Sketch verantwortlich:
"Wir werden uns mit Deutschland und Russland zerstreiten und so tun, als sei alles in Ordnung, weil wir den Amerikanern in den Hintern kriechen."
Was für Opfer. Lauter Dorfidioten.
Das ist nicht der erste gelungene Stand up-Auftritt des Ministers. Sikorskis Tweet "Danke, Amerika", wenige Stunden nach der Sprengung von Nord Stream 2, ist ebenfalls mit von der Partie in der Hitparade.
Aber mein Favorit ist:
"Wir werden Russland ziemlich schnell besiegen. Wir haben die überwältigende Luftüberlegenheit. Wenn schon die Ukrainer in sechs Monaten die Hälfte der russischen Ölraffinerien zerstört haben, so würden wir den Rest in sechs Wochen erledigen."
Ich will nichts Schlechtes über die polnischen Militärpiloten sagen – ich kenne sie ja auch gar nicht. Genauso wenig kenne ich die polnischen Kavalleristen, die die damaligen Sikorski-Minister im Jahr 1939 bei Krojanty gegen deutsche Panzer einsetzten. Und lange Zeit erzählten polnische Politiker allen, sie hätten tatsächlich einen Panzer mit Säbeln in zwei Hälften geteilt. Kein Witz.
Realitätsferne ist äußerst schädlich, und bei polnischen Politikern vielleicht nochmals schädlicher als bei vielen anderen Menschen – aber es scheint eine Art nationale Tradition der polnischen Politik zu sein… eine Tradition, die stets zu denselben wohlbekannten Ergebnissen führt. Es ist nicht ganz klar, womit Polens Volk selbst sich so etwas verdient hat. Vielleicht, weil Polen irgendwo in der Geschichte Mist gebaut hat, wer weiß? Immerhin hat es sich noch immer nicht für Marina Mniszech verantwortet. Obwohl andererseits Maryla Rodowicz wunderschön auf Russisch sang. Und erst Barbara Brylská, die wie ein Gespenst des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) jedes Jahr zum Neujahr dem russischen Volk erscheint.
Was wichtiger ist: Man sollte Sikorski bloß nicht erzählen, dass wir in Moskau auch eine Warschauer Chaussee haben. Und die ist sehr breit und schnurgerade und führt an ihrem anderen Ende direkt ins Herz der polnischen Hauptstadt – genau dorthin, wo der letzte stalinistische Wolkenkratzer steht, mit Moskauer Grüßen.
Man munkelt, Tusk habe, nachdem er von Polens unglaublicher Luftüberlegenheit gehört hatte, dann doch die tatsächlichen Zahlen für die monatlichen Verluste der ukrainischen Streitkräfte im Jahr 2026 angefordert und, als er sie sah, entschieden, dass etwas daran nicht stimmen konnte, was sein Außenminister so behauptete; und habe ihn daraufhin angewiesen, Zubrowka zumindest nicht bei der Arbeit zu trinken (auch nicht mit der Beerenmarmelade seiner Oma zu Likör vermischt – Adepten raten vom übermäßigen Konsum derartiger Cocktails dringend ab: Da sei nichts mehr mit Achterbahn und Hubschrauber, sondern der Kater am nächsten Morgen sei schlicht von einem anderen Stern; Anm. d. Red.).
Und nochmal, ich mache keine Witze. Von welchen Witzen kann man überhaupt reden, wenn es um die führende Luftmacht der Welt und ihre Umgebung geht?
Das war die heutige Ausgabe des Psychiatrischen Boten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – und bis bald! Sehr, sehr bald …
Übersetzt aus dem Russischen.
Igor Malzew ist ein russischer Journalist und Schriftsteller, Kolumnist, politischer Kommentator und Beobachter für zahlreiche russische Blätter, stellvertretender Chefredakteur der Iswestija, erster Chefredakteur der Medwed, Chefredakteur und Gründer des Automobilressorts bei Kommersant. Er ist zudem regelmäßiger Kolumnist bei der russischen Ausgabe von RT. Diesen Artikel verfasste er exklusiv für RT.
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