Von Dagmar Henn
Soviel zur Verteidigung des WEF. Etwas weiter hinten wird dann auch "Big Pharma" als antisemitischer Code verkauft.
"Dieser Code steht für eine vermeintlich "jüdisch" kontrollierte Pharmaindustrie."
Sehr putzig, diese Idee. Bayer, Pfizer, Merck – fällt da etwas auf? Big Pharma ist zu großen Teilen deutschen Ursprungs, und kein Fitzelchen jüdisch. Im Gegenteil. Die Degussa, die einst das Zyklon B herstellte, war eine Tochterfirma der IG Farben; diese wiederum war in den 1920er Jahren aus den deutschen Chemiekonzernen Bayer, BASF und Hoechst gebildet worden; nach 1945 wurden sie wieder in die Einzelteile zerlegt.
Bayer verdankt die Welt nicht nur das Aspirin, sondern auch Codein, Kokain und Heroin. Kurz und knapp: Die Pharmaindustrie war eine komplett deutsche Erfindung, und durch ihre Geschichte, zu der auch die relativ frühe Unterstützung Hitlers durch die IG Farben gehört, war sie eigentlich eher das Maximum an antijüdisch. Daraus einen "antisemitischen Code" zu machen, bedarf es einer gewaltigen Mischung aus Ahnungslosigkeit und Dreistigkeit.
Nicht zu vergessen – diese Unternehmen verwerteten auch die Ergebnisse aus Menschenversuchen, die in KZs gemacht wurden. Bei einem dieser Versuche ging es übrigens um hormonelle Empfängnisverhütung. Die Resultate flossen in die Pille ein.
Richtig abgründig wird das BfV dann bei einem aktuellen Beispiel. Eine gesprühte Parole "FCK ZIOS". Der Verfassungsschutz hierzu:
"ZiOS: Dieser Begriff steht hier als Kurzform für Zionisten und fungiert als Ersatz für die Bezeichnung "Israelis" oder auch für "die Juden"."
Da sind wir dann bei der aktuellen deutschen Politik angekommen, die kein Problem hat, Beihilfe zum Genozid zu leisten. Die Parole ist tatsächlich genau, sie greift Zionisten an, also die Anhänger einer bestimmten Ideologie; das ist eine andere Gruppe als jene der Israelis, die alle Staatsbürger dieses Landes umfasst, die mitnichten alle Zionisten sind, und erst recht als jene der Juden. Wer sich etwas gründlicher auskennt, weiß, dass es gerade in den USA auch christliche Zionisten gibt, die keine Juden sind.
Für das Bundesamt für Verfassungsschutz gilt aber, getreu dem fatalen Antisemitismus-Beschluss: Zionist gleich Jude und Jude gleich Zionist. Das ist nicht nur eine Ungeheuerlichkeit gegenüber vielen jüdischen Antizionisten, die teilweise ihr ganzes Leben damit verbringen, gegen diese menschenfeindliche Ideologie anzukämpfen, die aktuell das Herrenmenschentum völlig offen glorifiziert. Es ist auch im Kern die staatliche Botschaft: Man habe Antisemit zu sein, wenn man mit den aktuellen Verbrechen des Staates Israel nicht einverstanden ist. Und, wie das Vorgehen in Bezug auf die "Jüdische Stimme" belegt, wird durch deutsche staatliche Behörden aktiv daran gearbeitet, jene Juden, die gegen die israelische Politik stehen, unsichtbar zu machen.
Übrigens wird dann auch noch auf das auf der Spitze stehende rote Dreieck Bezug genommen, das als Symbol der Hamas durch das deutsche Innenministerium verboten wurde. Dabei wurde natürlich die andere Bedeutung, die ein solches Dreieck in Deutschland hat, völlig ignoriert. Das rote Dreieck war nämlich in den Nazi-Konzentrationslagern die Kennzeichnung für politische Häftlinge, weshalb ein Verbot dieses Symbols eigentlich unmöglich sein müsste. Wie würde die deutsche Polizei reagieren, wenn ihr ein Mitglied der VVN begegnete, das (wie es früher einmal üblich war) eine kleine Anstecknadel in Form eines auf der Spitze stehenden roten Dreiecks trüge?
Zusammengefasst: Diese Broschüre ist die Zeit nicht wert, die man aufwenden muss, sie zu lesen. Die einzelnen Fragmente, die tatsächlich antisemitisch sind, kann man problemlos auf Grundlage einer einfachen Definition von Rassismus erkennen; weit größere Teile aber sind das typische antideutsche Geraune, das letztlich darauf abzielt, eine offene Auseinandersetzung um die israelischen Gräuel unmöglich zu machen – und, das dürfte der eigentliche Kern sein, eine Auseinandersetzung mit der Macht des Großkapitals, indem man dieses zur Gänze "judaisiert" und damit für unangreifbar erklärt.
Sicher, dieses antideutsche Denkkuddelmuddel nützt aktuell auch dem Staat Israel (wenn auch nicht seinen Bewohnern, ebenso wie die Unterstützung von Selenskij den Ukrainern wenig nützt), aber dass sich eine derart verdrehte Ideologie im Verlauf eines Vierteljahrhunderts bis in das Bundesamt für Verfassungsschutz vorgearbeitet hat, dürfte wohl eher daran liegen, dass dieses Werkzeug sehr tauglich dafür ist, jede Form von Herrschaftsanalyse für antisemitisch und damit verboten zu erklären. Wie schon erwähnt: Big Pharma hat rein gar nichts mit dem Judentum zu tun, aber sehr viel mit den neuesten Methoden von Machtausübung und Ausbeutung der Besitzlosen durch die Besitzenden. Auch die Analyse von Machtmechanismen, die Rainer Mausfeld vornimmt, wird mit dem Vorwurf des "Antisemitismus" belegt.
Was dann – im innersten Kern – oder, wenn man mal die klassische Begrifflichkeit in Erinnerung rufen will, beim Klassenstandpunkt, doch irgendwie wieder Sinn ergibt. Dafür muss man allerdings die Behauptung vergessen, das Bundesamt für Verfassungsschutz schütze eine Verfassung und die demokratischen Rechte der Bürger, und stattdessen darin ein Bundesamt zum Schutz der bestehenden Vermögensverhältnisse sehen. Dann wird aus einer undemokratischen, weil dialogfeindlichen und denunziatorischen Broschüre auf einmal eine hervorragende Erfüllung des Arbeitsauftrags.
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