Britische Geheimdienste haben offenbar mit einer systematischen Überprüfung vertraulicher Informationen begonnen, die sie in den vergangenen Jahren an den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) übermittelt haben. Wie die FAZ unter Berufung auf den Daily Telegraph berichtet, prüfen sowohl der britische Auslandsgeheimdienst MI6 als auch der technische Nachrichtendienst GCHQ die Folgen der jüngst bekannt gewordenen Spionageaffäre um den langjährigen BND-Chef August Hanning und den Büroleiter des BND-Präsidenten Manfred D.
Im Mittelpunkt steht demnach die Sorge, dass durch den mutmaßlichen Geheimnisverrat eigene Quellen und nachrichtendienstliche Operationen gefährdet worden sein könnten.
Der Daily Telegraph zitiert den früheren MI6-Agenten Matthew Dunn mit der Einschätzung, die britischen Dienste würden nun "jede Information durchkämmen", die sie an den BND übermittelt hätten. Dabei solle insbesondere geprüft werden, welche Risiken mit einer möglichen Kompromittierung verbunden gewesen seien und ob dadurch Rückschlüsse auf die Quellen der Informationen möglich wären. Zugleich hält Dunn es für wahrscheinlich, dass die Zusammenarbeit mit dem deutschen Nachrichtendienst fortgesetzt wird.
Der britische Politikwissenschaftler und Geheimdienst-Experte Anthony Glees bezeichnete die möglichen Folgen der Affäre um August Hanning als äußerst schwerwiegend. Gegenüber dem Independent warnte er, der mutmaßliche Geheimnisverrat könne das Vertrauen westlicher Nachrichtendienste in den BND belasten. CIA und MI6 dürften demnach besonders alarmiert sein. Glees verglich den Fall mit der Enttarnung des britischen MI6-Doppelagenten Kim Philby, der 1963 als sowjetischer Spion enttarnt wurde und anschließend in die Sowjetunion floh.
Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Henrichmann (CDU), betonte dagegen gegenüber NDR Info das weiterhin hohe internationale Ansehen der deutschen Nachrichtendienste. Der Verdacht gegen Hanning habe zwar "eingeschlagen", doch mit den richtigen Signalen könne das Vertrauen der Partner wiederhergestellt werden.
Der Generalbundesanwalt wirft dem früheren BND-Präsidenten August Hanning vor, über Jahre von seinem früheren Büroleiter Manfred D. interne BND-Unterlagen erhalten zu haben. Nach bisherigen Ermittlungen sollen seit 2010 rund 2.000 Dokumente an Hanning gelangt sein, darunter zahlreiche als geheim eingestufte Unterlagen und interne Lagebriefings für die Leitungsebene. Besonders brisant ist, dass sich unter den Unterlagen offenbar auch Informationen ausländischer Partnerdienste befanden. Laut Recherchen von NDR, WDR und SZ ging es beispielsweise um Erkenntnisse zum iranischen Atomprogramm und zur russischen Armee. Bei einem Teil der Dokumente soll es sich um Informationen gehandelt haben, die für den BND-internen Gebrauch bestimmt waren.
Mehr zum Thema - Spionageverdacht: Ex-Geheimdienstchef August Hanning festgenommen