Causa Martens: "Ihre Anfrage können wir nur im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens beantworten"

Der FAZ-Journalist Michael Martens will der Ukraine dabei helfen, möglichst viele Russen zu töten. Seine Einlassung sorgte für einen internationalen Eklat. Von den Journalistenverbänden kam bisher aber keine Stellungnahme. Wir gaben ihnen die Möglichkeit, das zu ändern. Das Ergebnis ist übersichtlich.

Michael Martens, Journalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, fragte im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz von Wladimir Selenskij und Serbiens Präsident Aleksandar Vučić an Selenskij gerichtet, wie Europa dabei helfen könne, "mehr Russen zu töten – russische Soldaten, natürlich". Eine offene Unterstützung von Kriegsverbrechen.

Die Äußerung sorgte daher im In- und Ausland für viel Wirbel. Deutschland macht da weiter, wo es 1945 gezwungen wurde aufzuhören, lassen sich zahlreiche Statements inhaltlich auf einen Nenner bringen. Der Wunsch nach Tötung möglichst vieler Russen aus dem Mund eines deutschen Journalisten zog einen Sturm der Empörung nach sich. Martens selbst steht für Stellungnahmen nicht zur Verfügung. Er hat zudem seine Präsenz in den sozialen Netzwerken eingeschränkt.

Seine Arbeitgeberin, die FAZ sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen, die allerdings halbherzig ausfiel. Die Zeitung bedauert, dass die Frage von Martens "missverständlich" ausgefallen sei. Verfasst hat das Schreiben zudem die Pressestelle und nicht die Chefredaktion. Eine Petition auf Change.org, in der die Entlassung von Martens gefordert wird, wird seit Tagen "geprüft" und ist nicht zugänglich.

In Schweigen hüllten sich bisher auch die Journalistenverbände. Wir haben uns nun direkt an die Verbände gewandt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich hinsichtlich der Aufforderung zu Kriegsverbrechen durch einen deutschen Journalisten zu positionieren. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Es fiel mager aus.

Wir haben 31 deutsche, deutschsprachige und internationale Vereinigungen und NGOs mit journalistischem Bezug angeschrieben und sie zur Causa Martens befragt. Darunter den Deutsche Journalistenverband, den Deutschen Presserat, Reporter ohne Grenzen Deutschland, die Deutsche Journalistenunion bei Verdi, den Österreichischen Presserat, die International Federation of Journalists, den Index for Censorship. 

Der Deutsche Presserat teilte uns lapidar per Textbaustein mit, unsere Anfrage sei nur im Rahmen einer Beschwerde zu beantworten. Er bietet uns ein Beschwerdeformular zum Ausfüllen an. Wer Beschwerde einlegen möchte, kann das gern hier tun. 

Der Journalistinnenbund e.V. lässt uns wissen, dass der Verein nur die Belange von Frauen in den Medien vertritt. Man könne daher zu dem Vorgang nichts sagen. Michael Martens kann als Mann gelesen werden.

Die Freischreiber:innen aus Österreich argumentieren ähnlich. Da Martens deutscher Journalist und kein Mitglied sei, werde man sich nicht äußern. 

Die restlichen 28 angeschriebenen Organisationen haben entweder gar nicht geantwortet oder teilten uns mit, man sei im Urlaub. Der Verweis auf Urlaub scheint in Journalistenkreisen die Standardausrede zu sein. Bereits der US-Sender CNN sagte eine Besichtigung des von der Ukraine beschossenen Berufsausbildungszentrums in Starobelsk in der Volksrepublik Lugansk mit dem Hinweis ab, man sei im Urlaub. Bei dem Kriegsverbrechen kamen 21 Studenten ums Leben. Die russischen Angaben dazu wurden von westlichen Medien in Zweifel gezogen. Eine Einladung zur Ortsbegehung wurde von vielen westlichen Journalisten zurückgewiesen.  

Auch die Zurückhaltung von Journalistenverbänden und Organisationen im Zusammenhang mit der Causa Martens verdichtet erneut den Verdacht, dass man im Westen gar nicht so sehr an Journalismus, journalistischen Standards, journalistischer Qualität und am Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit interessiert ist, sondern sich vor allem den vorgegebenen Narrativen verpflichtet fühlt. Man mauert und igelt sich ein. Glaubwürdigkeit und Vertrauen lassen sich so nicht gewinnen.

Während der Deutsche Journalistenverband zu Martens schweigt, hat er 2022 das Verbot von RT in Deutschland geradezu euphorisch begrüßt. Die Anschläge auf und die Morde an russischen Journalisten durch die Ukraine sorgten bisher nicht dafür, dass sich deutsche Verbände Sorgen um ihre russischen Kollegen machten und die Ukraine zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts mahnten. Als russische Journalisten gelten sie ihren deutschen Kollegen automatisch als Propagandisten, als irgendwie nicht echt, irgendwie minderwertig, und damit ist das Vorgehen der Ukraine auch irgendwie entschuldigt. Zweierlei Maß findet sich eben nicht nur in westlicher Politik, sondern auch im westlichen Journalismus. 

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