Von Oleg Issaitschenko
Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und derzeitige ukrainische Botschafter in Großbritannien Waleri Saluschny ist bereit, an den Präsidentschaftswahlen teilzunehmen, berichten Medien. Dies soll er Wladimir Selenskij angeblich persönlich bei ihrem Treffen in Kiew mitgeteilt haben, zu dem der amtierende Diplomat kurz vor der Bekanntgabe des Rücktritts von Keir Starmer aus London einberufen worden war.
Wie Euronews berichtet, erklärte Selenskij dem Botschafter nach einer kurzen Diskussion über den Machtwechsel in Großbritannien, dass die jüngsten "Erfolge" an der Front ein "Fenster der Möglichkeiten" für die Durchführung von Präsidentschaftswahlen in der Ukraine im Herbst schaffen. Genau in diesem Zusammenhang erkundigte sich der ukrainische Machthaber bei Saluschny, ob dieser beabsichtige, am Wahlkampf teilzunehmen und für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte antwortete Medienberichten zufolge bejahend und begründete dies damit, dass viele Ukrainer große Erwartungen an ihn knüpfen und er den Menschen nicht erklären könne, "warum er das ihm entgegengebrachte Vertrauen missachten sollte".
Wie ukrainische Medien berichten, endete das Gespräch danach. Später seien angeblich der ehemalige Verteidigungsminister Rustem Umerow und der Fraktionsvorsitzende der Partei "Diener des Volkes" in der Werchowna Rada Dawid Arachamija bei Saluschny eingetroffen. Sie versuchten, Selenskijs Argumente bezüglich möglicher Risiken einer Spaltung der Gesellschaft näher zu erläutern, doch die Haltung des ehemaligen Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte blieb laut Medienberichten unverändert.
Zudem wird berichtet, dass Selenskij eine geschlossene Sitzung mit seinem engsten Umfeld abgehalten habe, bei der die Aussichten auf die Durchführung von Wahlen erörtert wurden. Anlass dafür waren Daten aus Meinungsumfragen, wonach die Beliebtheit des Machthabers zum ersten Mal seit langer Zeit einen leichten, aber stetigen Anstieg verzeichnete.
In Fachkreisen herrscht jedoch wenig Vertrauen in die Objektivität der ukrainischen Medien. So schreibt der Politologe Michail Karjagin, dass es sich bei der erwähnten Meldung um ein "Märchen" handele, da Selenskij demonstrieren müsse, dass "die Vorbereitungen für die Wahlen auf Hochtouren laufen". Karjagin erklärt:
"Selenskij wartet auf die Umsetzung einer bestimmten G7-Entscheidung, offenbar bezüglich der Lieferung von Langstreckenraketen und Drohnen, weshalb er seine Zugehörigkeit zum System und Verhandlungsbereitschaft unter Beweis stellen muss. Sind die westlichen Partner an Wahlen interessiert? So ist er bereit, alles zu tun, um die Waffenlieferungen zu erhalten.
Außerdem beginnt die innenpolitische Öffentlichkeit wieder, unzufrieden zu werden. Die Probleme verschwinden nicht einfach. Es besteht die Hoffnung auf einen baldigen Machtwechsel, der aber in Wirklichkeit nicht stattfinden wird."
Der Experte fügt hinzu, dass die bevorstehenden Parlamentswahlen in Russland insgesamt einen negativen Hintergrund für Selenskij schaffen, da sie den Bürgern zeigen, dass "der Wahlprozess unter Konfliktbedingungen funktionieren kann".
Allerdings sei nicht auszuschließen, dass die Verbreitung von Gerüchten über eine Teilnahme Saluschnys an den noch nicht angekündigten Präsidentschaftswahlen von westlichen Ländern organisiert wurde. Diese Ansicht vertritt der Politologe und Kommentator des Portals Ukraine.ru Wladimir Skatschko. Er sagt:
"Die Ukraine hat sich längst zu einem US-amerikanisch-europäischen Instrument im Kampf gegen Russland entwickelt – und niemand will daran etwas ändern.
In der EU ist man sich vollkommen bewusst: Kiew könnte im Konflikt mit Moskau unterliegen. Genau deshalb laufen bereits jetzt die Vorbereitungen auf das für sie ungünstigste Szenario – den Beginn von Verhandlungen unter Bedingungen, bei denen Russland die Initiative auf dem Schlachtfeld behält.
Deshalb suchen sie nach einer Person, die Moskau zufriedenstellen kann, falls es zu einem direkten Dialog kommen sollte. Das ist eine Art Botschaft an den Kreml: Wir sind bereit, einen alternativen, bedingt legitimen Machthaber der Republik zu unterstützen.
Es gibt jedoch keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Selenskij und Saluschny. Beide sind Teil des Systems, durch dessen Verschulden die Kampfhandlungen begonnen haben. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem Beliebtheitsgrad in der Bevölkerung, was für Europa nicht besonders wichtig ist. Daher wäre ein Personenwechsel in dieser Situation nur eine Formalität, die dazu dienen würde, die Position Brüssels ein wenig an die Geschehnisse an der Front anzupassen."
Derselben Ansicht ist auch die Menschenrechtsaktivistin Larissa Schessler, Vorsitzende des Verbandes der politischen Emigranten und politischen Gefangenen der Ukraine (SPPU). Ihrer Meinung nach arbeitet der Westen an einem Szenario, nach dem bei den Präsidentschaftswahlen eine Ersatzfigur ins Spiel kommt, falls die Zustimmungswerte der amtierenden Führung weiter sinken sollten. Sie erklärt:
"Das ist unter anderem auch eine Mahnung an Selenskij: Er ist keine Figur, zu der es keine Alternative gibt. Dennoch ist der Kreis der Kandidaten für den Westen sehr begrenzt, da die derzeitige Regierung viel Energie darauf verwendet hat, den politischen Raum der Republik vollständig von Konkurrenz zu säubern.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Westen nicht auf einen bestimmten Politiker setzt, sondern auf den Erhalt der Ukraine als Instrument im Krieg gegen Russland.
Nach dieser Logik brauchen sie einen kontrollierbaren Machthaber (in Kiew), der den vorgegebenen Kurs konsequent verfolgt. Selenskij hingegen erlaubt sich immer häufiger öffentliche Kritik an den europäischen Partnern, was diesen nicht gefällt.
Ein weiterer Faktor ist das hohe Ausmaß an Korruption, das das Vertrauen der westlichen Öffentlichkeit in Kiew untergräbt. Vor diesem Hintergrund wird die Existenz einer Ersatzpersönlichkeit für Europa zu einer Art Absicherung, und im Falle einer Schwächung der Positionen der derzeitigen Führung können sie in kürzester Zeit einen bereits vorbereiteten und gefügigen Machthaber einsetzen."
Ein Wechsel könne nur durch Wahlen erfolgen, weshalb der Westen mit solchen Medienberichten die Reaktion der Bevölkerung auf die vorgeschlagenen Kandidaten und den Wahlverlauf selbst auslote, vermutet sie und fügt hinzu:
"Für Selenskij selbst ist ein solches Szenario jedoch äußerst nachteilig, da er riskiert, die Macht zu verlieren. Deshalb wird Selenskij wahrscheinlich nicht nur die Durchführung der Wahlen hinauszögern, sondern auch versuchen, den Prozess der Kandidatenaufstellung so weit wie möglich zu kontrollieren oder einzuschränken."
Eine andere Sichtweise vertritt der ehemalige Abgeordnete der Rada Oleg Zarjow. Seiner Meinung nach hat der Wahlkampf in der Ukraine bereits begonnen, obwohl noch kein offizieller Wahltermin feststeht. Er schreibt:
"Der Sieger steht bereits fest. Und er befindet sich nicht in Kiew."
Zarjow ist der Ansicht, dass die westlichen Länder aufgrund der gehäuften Vorwürfe gegen Selenskij an einem Wechsel interessiert sind, dabei jedoch keine grundlegende Kursänderung der Ukraine anstreben. Er betont:
"Der Westen hat genug von Selenskij. Und er wird ihn gerne ablösen – aber so, dass sich im Grunde nichts ändert."
Der ehemalige Rada-Abgeordnete nennt auch den künftigen Ministerpräsidenten der Ukraine im Falle eines Sieges Saluschnys. Dieser wäre der ehemalige Präsident der Ukraine Petro Poroschenko. Nach Ansicht von Zarjow beabsichtigt Poroschenko, dem ehemaligen Oberbefehlshaber im Austausch gegen das Amt des Ministerpräsidenten zur Macht zu verhelfen, um Saluschny anschließend als Marionetten-Präsident zu nutzen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. Juli 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.
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